Siebeneinhalb Stunden erholsamer Schlaf. Eine lauwarme Dusche. Zähneputzen, neues Shirt suchen, Frühstück. Die typische Hotel-Mische a la B. schaut so aus: Bacon mit Rührei, dazu zwei Mini-Croissants. O-Saft und Kaffee. Runde zwei besteht dann aus Müsli. Das reicht für einige Stunden. Kaffee nachladen is nicht, denn das Zeug schmeckt barbarisch. Außerdem schon zehn vor acht und wir müssen recht zügig los, Messestress beginnt eben schon im Hotel, alles wie immer.
Da die hiesige Verkehrslage ein wenig chaotisch ist, greifen wir auf den öffentlichen Nahverkehr zurück. Der braucht etwas mehr als 30 Minuten von Junkersdorf (westliches Ende von Köln) bis zur Messe (östliche Seite vom Rhein). Die Temperaturen sind schon unerträglich bevor wir in die Messehallen laufen. Das wird ein langer Tag. Und die Messe sieht schon vom Bahnhof Deutz aus riesig aus.
Dank Aussteller-Ticket müssen wir nicht warten, bis die um 9 Uhr ihre Tore für die ganzen Pressemenschen öffnen. Schon nach wenigen hundert Metern steht fest, dass die Füße leiden werden: Lange Gänge, mal Treppauf, Rolltreppab, von der Architektur her definitiv chaotischer als Leipzig. Hach, war das simpel da: Mittelgang, zu beiden Seiten drei Hallen und sonst nix. Aber hier: Kreuz und quer und oben und unten. Erst mal zurechtfinden, die Stände der verschiedenen Publisher beglotzen und gegen halb 10 richtung Microsoft-PK schlendern. Trotz grade mal einem Kilogramm Gewicht merkt man so ein Netbook in der Tasche schon. Zumindest, wenn man es über längere Wegstrecken herumträgt. Das wird ein langer Tag für den Rücken.
Erwartungsgemäß ist bei MS einiges los. Also Eintrittskarte holen, herumstehen, warten, schwitzen. Von eiskalter Cola träumen die am Beckenrand eines pervers großen Pools steht, Blick aufs Meer, Bikinischönheiten die Fragen, ob’s noch ein bisschen weniger sein darf und mehr Geld als in eine Firmenflotte Q7 passt. Nun gut, man kann nicht alles haben und Peter Molyneux auf der Bühne entschädigt für einiges. Spätestens mit der Ankündigung von “Fable III”. Der Mann redet so empathisch von diesem Projekt, so voller Liebe und echtem Interesse, dass es schon beinahe befremdlich wirkt, hält man sich mal vor Augen, wie vielen arschleckenden PR-Journalisten man hier übern Weg läuft. Die Bande ist natürlich auch in großer Zahl vertreten. MacBook (bei genauem Hinsehen auf den Screen erblickt man in steter Regelmäßigkeit jedoch nicht OS X, sondern Windows XP), Blackberry (8900 oder Bold) oder iPhone, die volle Packung. Die sind nicht der Spiele wegen hier, sondern des Business wegen. Keine Leidenschaft mehr. Vermutlich wissen sie nicht mal, dass Call of Duty: Modern Warfare 2 ein Shooter ist. Aber darin unterscheiden sie sich von vielen Journalisten ja nicht mal. Das ist dann die Fraktion, die beim Visitenkartenaustausch auch gleich mal die Wertung bespricht, wofür’s dann auch noch einen Goodie-Bag gibt. Hach, eine herrliche Branche, immer noch. Zumindest wenn man der Sportart “Arschleckerbeobachten in freier Wildbahn” etwas abgewinnen kann.
Ich derweil schlendere nach der Microsoft-PK in Richtung Westeingang. Dort hat Sony einen Kran aufgebaut, und am Ende des Seils, das der Kran am Ausleger baumeln hat, hängt eine Plattform. Mit Stühlen und PSP go-Geräten, auf denen die Handheld-Umsetzung von Gran Turismo gespielt werden kann. In 50 Metern Höhe, denn dort hinauf zieht der Kran die Plattform. Mir gegenüber sitzt ein Privatfernseh-Mensch samt Kamerateam und spricht etwas wie “Spielen kann man in jeder Situation, egal wo”, was in Verbindung mit der Tatsache, dass er gerade weit oberhalb der Messe eine PSP go hält, wohl lustig sein soll. Lach. Well, ich schaue einfach nicht nach unten und vergesse für einige Minuten, dass Höhenangst schon immer ein Begleiter ist. Geht also. 20 Minuten später bewegt sich die Plattform wieder gen Erdboden und ich bin gottfroh drum, trotz Gran Turismo. Das sich übrigens ganz ordentlich spielt, außerdem mag ich, wie die PSP go in der Hand liegt. Kaufen werde ich dennoch keine, einfach nicht mein System.
Pause bis 14 Uhr. Erfolgloser Versuch, ein Mittagessen aufzutreiben. Erfolglos weil: Die Fressstände machen erst morgen auf. Richtig, nicht heute am Fachbesuchertag. Die Fachbesucher dürfen also im Business-Biergarten (ja, der heißt wirklich so) eine halbe Stunde für ne Worscht anstehen - Mittagshitze inklusive - oder sich für 3,90 Euro ein Sandwhich holen und dafür nur zehn Minuten im halbwegs Kühlen anstehen. Ich nehme zwei davon, mit Roastbeef, Rotkraut und Dijon-Senf. Schmeckt zwar ganz lecker, fühlt sich auf der Zunge aber seltsam gummiartig an. Dazu Wasser. Alles schon mal besser gewesen, damals, im Osten..
14 Uhr, Rockstar. Da ich ein stattliches NDA unterschrieben hab, gibt’s hier nix über Red Dead Redemption, GTA 4: Ballad of Gay Tony, Chinatown Wars für PSP und Beaterator zu lesen. Bald dann.
Namco-Bandai um 16 Uhr wird gepflegt gesteckt. Hatten neulich erst eine Preview zu “Tekken 6″, gut is für’s erste. Stattdessen Heimweg. Ach ja, vergessen: Zwischen all den Treffen wurden noch eifrigt Mails an die Kollegen in der Redaktion verfasst, Fotos hochgeladen und dies und jenes erledigt. Was man halt mal einfach so zwischendrin reindrückt, weils reingedrückt werden muss, ist ja sonst keine Zeit für nix und jeder nur am Hetzen. Alt werden ist was anderes.
Rückweg in einer gefühlt 100 Grad heißen Straßenbahn. Köln sieht zwar durchs Fenster aus wie eine Großstadt, ist aber dennoch so hässlich, dass selbst Darmstadt sich nicht davor zu verstecken braucht. Well, zwei Stationen vor dem Hotel noch ein Stop bei McDonalds. Essen, leckeres Fastfood-Fraß-Zeug. Passt ganz prima, nun fehlen nur noch zwei Cola-Gläser und ich hab alle sechs. Immerhin was geschafft heute. Und zwei Tüten mit Rockstar-Take-2-Goodies heimgeschleppt. Eine bekommt der Prakti, die andere wird aufgeteilt. Ich hab Schlaf-Shirts genug, da kommt’s auf eins mehr oder weniger nicht an. Und Wertungen für Games verkaufe ich eigentlich auch nicht so günstig, hüstel.
Etwa 17:15 Uhr im Hotel. Eiskalte Dusche. Abend planen. Telefonieren. Ein Bier in der Lobby und währenddessen diesen Beitrag schreiben. Was vergessen? Hm, erst mal nicht. Trotz allen Meckereien hier ist es ganz prima. Nur zu heiß, zu stressig und zu wenig Leipzig. Ernsthaft: Im Osten war’s nicer, übersichtlicher, billiger, erreichbarer, kühler und letztlich auch irgendwo liebgewonnener. Schwer abzusehen, ob Köln das packen wird.






