mein Glück ist dein Leid

(”Mein bester Feind”, Der W. *) Es gibt in meinem Heimatort einen Arzt, ein schlauer Mann, der mittlerweile im Ruhestand ist. Zur Einweihung eines neuen Krankenwagens hat man ihn einmal gebeten, ein Paar Worte zu sagen. Ich war nicht dabei, aber überliefert ist, dass er etwas sagte wie “Ich wünsche mir, dass dieses Auto in der Garage verrostet und niemals gebraucht wird”, ein sehr schöner Ausspruch. Der auch auf einen Beitrag zutrifft, den ich heute verfasst habe.

Ich hasse diesen Artikel. Jedes einzelne Wort davon. Zunächst einmal, weil es alles einfach so vorhersehbar war, der Amoklauf, die Hausdurchsuchung, die Spiele, die auf dem Rechner gefunden wurden. Es hat zwar einige Stunden länger als beim letzten Mal gedauert, aber schon zum Zeitpunkt, als gestern die erste Meldung zu den Geschehnissen in Winnenden über den Ticker lief, war es klar, dass die Dinge von nun an so laufen würden. Keine Lust darauf, ich hätte das noch nicht mal hier im Blog mit einer Zeile gewürdigt (ähnlich halten es Kollegen). Ich wünsche mir eine Welt, in der solche Beiträge nicht mehr nötig sind, in der es keine Amokläufe mehr gibt, keine Killerspiel-Debatte, in der die Menschen einander verstehen.

Nun kommt der Auftrag, einen Artikel über “Counter-Strike” zu schreiben und damit die Frage, wie weit journalistische Neutralität gehen kann. Wir sagen uns so gerne so oft, dass wir nur beobachten, nur berichten, niemals aber teilnehmen. So auch in der Debatte hier. Es gibt einen Job und der wird erledigt. Abseits dessen haben wir immer noch ein Privatleben, in dem wir unser ganzes Mitgefühl über all das gebührend zum Ausdruck bringen können, schon gut. Die große Frage ist doch: Bis zu welchem Punkt hat man neutral zu bleiben?

In meinem Regal finden sich Gewaltspiele zuhauf, manche mit einer USK-Freigabe “ab 18 Jahren”, andere gleich indiziert. Ich werde deshalb nicht mit einer Uzi im Anschlag in die Redaktion stürmen, nur wenn’s im Privaten mal wieder scheiße läuft. Ich bin nicht der Meinung, dass Gewaltspiele Amokläufe auslösen, außerdem glaube ich nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt gibt. Es mag sehr wohl sein, dass Tendenzen, die beim Spieler vorhanden sind, durch Gewaltgames verstärkt werden, aber dieser Bereich ist trotz zig Studien in die eine oder andere Richtung nach wie vor nicht ausreichend erforscht. Punkt, fucking Punkt. Das ist alles, die ganze Weisheit hinter dem großen Fragezeichen. Das beten wir jedes Mal auf’s neue runter, das haben die Pfeiffers der Nation in all ihren Talkshows nach wie vor nicht kapiert. Scheiße nochmal.

Ich werde keinen Anti-”Counter-Strike”-Beitrag schreiben. Ich kann keinen Beitrag schreiben, der etwas darstellt, wie es einfach nicht ist. Gleichzeitig kann ich nicht mal neutral bleiben. Das Thema wird von beiden Seiten beleuchtet, sowohl von der, die den Titel verbieten lassen will wie auch von den 250.000 deutschen “Counter-Strike”-Spielern, die eben nicht Amok laufen. Das ist ein verdammter Drahtseilakt, auf den ich schon gestern keine Lust hatte. Nun muss es eben sein und damit auch die Frage, wie weit man neutral bleiben muss. Ich will dieses Spiel nicht stigmatisieren, gleichzeitig aber auch nicht loben. Die Tendenz, also meine ganz eigene, persönliche Meinung, bleibt trotz allem eindeutig. Und ist in den Bericht eingeflossen.

Vielleicht ist das die Lösung: Neutralität ist nicht möglich und bestenfalls ein Wunschtraum. Es kommt darauf an, seine Position entsprechend zu verpacken, dem Beitrag auf eine subjektive, nicht für jeden wahrnehmbare Art eine Note zu verpassen, die erkennen lässt, dass es sehr wohl einen Standpunkt gibt. Wir müssen über all das Leid und Elend in dieser Welt berichten und es ist nicht unser Job, die Dinge zu beeinflussen. Die Kinder verhungern und wir machen die Bilder davon, bevor wir wieder zurückjetten in die Redaktionen, so schaut es scheisse nochmal aus. Was jedoch ein jeder zu tun hat, ist, die eigenen Worte entsprechend zu wählen und somit Sorge dafür zu tragen, dass seine Nachricht bei denen, die sie lesen, hören oder sehen sehr wohl eine Wirkung nach sich ziehen kann. Wer mehr tun will, kann zu Amnesty und Co. gehen - wer dagegen nicht mal kapiert, dass er trotz aller nicht-möglichen Neutralität mehr hat als nur einen Berichterstatter-Job, sollte schleunigst Autoverkäufer werden und sich aus dem Journalismus verpissen.

(*Zum Kursiven am Anfang des Beitrags: Da die meisten Titel meiner Beiträge ohnehin aus Songs stammen, dachte ich, dass ich die Leserschaft auch ein wenig daran teilhaben lassen kann. In dem ich zumindest den Titel mit Interpreten an den Anfang eines jeden Beitrags poste, dessen Headline auf einen Song zurückgeht. Dienst am Leser und so.)

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5 Kommentare

  1. ich finde es unerträglich, diese geilheit, diese gier, dieses perfide spiel “wer gräbt als erstes etwas aus dem leben aus; wer klickt als erstes aufs studivz-profil, wer interviewt als erstes irgendwelche nachbarn” etc. es widert mich an. ich möchte nie in diesem sumpf enden und wenn doch, dann wechsel ich den beruf. es kotzt mich an.

    dann das video von skynews. ich musste heulen, als ich es gesehen habe. die stimmen im off, das verwackelte bild, der typ der vor laufender kamera stirbt. so etwas hat niemand verdient. wieso wird so etwas gefilmt? und wieso bekam er keine hilfe? wieso haben die eltern ihn nicht unterstützt oder lehrer (die sicher was vom mobbing mit bekommen haben?) es ist sehr einfach die tat auf spiele, filme etc. zu schieben. sie haben vielleicht ihren anteil daran, aber sie sind sicher nicht der auslöser. wieso achtet man nicht mehr auf mitmenschen? vielleicht hätte die tat dann verhindert werden können.

  2. word. dieses “wir haben zuerst sein bild, wir haben zuerst seinen namen, wir haben zuerst seinen banknachbarn interviewt und zudem einen screenshot seines myspace-studivz-sonstwas-profils”-gewichse ist die pest des ganzen online-journlismus, eine keule, die ihm irgendwann das genick brechen wird. es verhindert jede einigermaßen vernünftige auseinandersetzung mit themen, jeden hintergrund, jede gute idee. stattdessen nur klicks und geschwindigkeit und bei all dem der verlust jeder menschlichkeit. die debatten kommen dann später, wenn mal wieder ein neuer aufmacher her muss, weil der alte nicht mehr geklickt wird. nicht dann, wenn es wirklich notwendig wäre. es ist eine traurige scheisse, in der diese ganze branche steckt - und für ich gerade jede mögliche verachtung empfinde, nur kein mitleid.

  3. viele leute sind sicher extrem abgestumpft. so will ich aber nie enden. da würde alles enden, was mir wichtig ist. es ist gottverdammt pervers - klicks, klicks, fucking klicks. es ist kein wunder, dass online-journalismus so einen miesen ruf hat. zu recht, wie man an diesem “ereignis” nur zu gut sehen kann.

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