desolation row

von Volker Dohr

watchmen

Darmstadt ist schon ein einsames, verlassenes Pflaster. Tragisch genug, dass keine englische Originalfassung von “Watchmen” läuft, zumindest heute noch nicht. Als early adopter, Geek und was weiß ich noch, der die Vorlage mittlerweile gefühlte 12 und reale sechs Mal durch hat, bleibt also keine Wahl. Außerdem hat man Freunde die ebenfalls im Kino sind, sollte also alles daneben gehen, steht danach ein Besäufnis an. Da es nun grade mal fünf Minuten nach Mitternacht ist und ich nüchtern, sollte der einigermaßen smarte Leser schon an diesem Punkt checken, dass es wohl doch geklappt hat mit “Watchmen”.

Auf eine ellenlange Kritik zum Film habe ich nur grade keine Lust. Dererlei liest man nun ohnehin von SpOn bis zum kleinsten Dorfblatt, bezüglich dessen ist nichts Neues von meiner Seite aus beizutragen, das nicht schon überall sonst stand. Daher bleibt’s beim Subjektiven und das auch noch Spoilerfrei – versprochen.

“Watchmen” ist immer noch unverfilmbar. Aber das, was Snyder draus gemacht hat, kann man anschauen, ohne danach aus dem Kino zu stürmen und den nerdlike dafür zu verfluchen, dass er den hochheiligen Gral nicht nur berührt, sondern gleich noch geschändet hat. Die 80er-Atmo hat er prima eingefangen, von Nena bis zu Tweet-Anzügen und Neonreklamen passt das alles, inklusive vieler, liebevoller Details, die man aus der Novel kennt. Hier war offensichtlich jemand am Werk, der mit der Vorlage vertraut ist und eine gewisse Affinität zur Thematik hast – aber das ist ja auch alles bekannt.

Ganz gepackt hat er’s doch nicht. Hier mal noch was dazugeschrieben, dort einen ganzen Erzählstrang weggelassen, hier gekürzt, um da dranzuhängen. Das ist dann das dünne Eis, auf dessen Einbruch man nun warten könnte. Und dabei glatt vergessen, dass es sich immer noch um einen Film handelt. Hier kann man nicht einfach nochmal zurückblättern, hier muss immer noch eine ganz andere Form der Unterhaltung geliefert – und die Leute auf ganz andere Art beider Stange gehalten – werden. Was natürlich heikel ist, da “Watchmen” nur bedingt handlungs- und stattdessen vielmehr dialoggetrieben ist. Das hat Snyder gepackt, ganz ordentlich sogar. Vieles ist 1:1 übernommen (oder zumindest so, wie ich mir das aus dem Englischen übersetzt denken würde) und Platz für tiefgründige bis langatmige Monologe war auch vorhanden. Das macht den Film bisweilen langsam, aber das ist dann der Preis, den man für die Vorlagentreue zu zahlen hat. Hätte man einen Actionfilm drehen wollen, wären keine 30 Minuten dabei herumgekommen – denn viel mehr Actionszenen weißt auch die rund zweieinhalbstündige Produktion, die nun im Kino ist, nicht auf.

Es bleiben kleinere Wehmutstropfen. Manches kam ganz einfach in der Novel nicht vor, anderes hat man böse umgeschrieben, wieder anderes ist nur halb erzählt. Die deutsche Synchro ist ok, Rorschach klingt, wie man will, dass Rorschach klingt. Bin dennoch gespannt, ob Ozymandias im Original auch so gay rüberkommt (da kommen ein paar ganz böse Erinnerungen an die Homophobie-Vorwürfe gegen “300” hoch). Macht all das in der Summe genug, um den Film runterzuziehen? Für mich nicht, visuell, akustisch und was den Spannungsaufbau sowie das Erzähltempo betrifft, war immer noch mehr als genug drin. Wenn man in Betracht zieht, dass “Watchmen” unverfilmbar ist, dann ist das, was da an den Kinokassen abräumen wird, durchaus unterhaltsam und dabei kein fauler Kompromiss geworden.

(Bleibt die Frage, ob man für die Credits “My Chemical Romance” an einen Dylan-Song wie “Desolation Row” ranlassen musste. Aber das entscheidet besser jeder für sich selbst, bleiben wir mal ganz subjektiv heute.)