Twitter hat die Kontrolle über Twitter verloren

von Volker Dohr

Als ich mich im August 2008 bei Twitter angemeldet habe, hatte ich eigentlich keine Vorstellung davon, wohin diese Reise gehen würde – und Twitter vermutlich auch nicht. Dass der Kurznachrichtendienst einmal elementar für die Vorbereitung von Umsturzbewegungen in Nordafrika werden würde, dass besonders im Nahen Osten Menschen außer Twitter keinerlei Möglichkeit haben, sich in totalitären Systemen Gehör zu verschaffen, dass ein Land wie die Türkei einmal zum schärfsten Zensor des Mediums werden würde, all das war damals nicht absehbar. Ich war 24, grade fertig mit der FH, im Start ins Berufsleben und Twitter war eine schöne, kleine Spielerei. Ich lernte Menschen drüber kennen, konnte über meine Arbeit schreiben, wurde Teil eines Gaming-Podcasts, hier und da traf man sich sogar mal persönlich. Es entstanden Freundschaften. Mehr noch: Meine Frau hätte ich ohne Twitter gar nie kennengelernt. In einem Gespräch über Energy-Drinks, das anderthalb Jahre später im Ja-Wort vor der Standesbeamtin endete. Zauberhafte Geschichte.

Mittlerweile war Twitter längst durch die Decke gegangen. Sicher, der Aktienkurs war noch nie sonderlich toll, die Probleme hinsichtlich Monetarisierung sind hinlänglich bekannt. Es ist eine Sache, ein tolles Angebot zu haben und eine andere, Geld damit zu verdienen. Dass beides nicht immer klappt, sieht man am Scheitern zahlreicher Social-Media-Dienste. Twitter hat sich dennoch gehalten und ist, das kann man 2016 ohne Zweifel sagen, das wichtigste Werkzeug für Menschen, die wie ich journalistisch tätig sind. Es ist schneller als jede Newsline, man findet binnen weniger Sekunden Menschen, die vor Ort sind, kann O-Töne einholen, lernt Experten kennen und bereichert insgesamt ungemein sein Schaffen, wenn man weiß, wie das Netzwerk zu bedienen ist, wem man folgen sollte, wer glaubwürdig ist und wen man in Krisensituationen anschreiben kann.

Abseits davon macht es auch 2016 immer noch Spaß, Inhalte aus seinem Leben zu teilen, seien sie nun positiv oder negativ. Twitter hat großartiges hervorgebracht, wenn es darum geht, Menschen Gehör zu verschaffen und Probleme sichtbar zu machen – der Hashtag “Aufschrei” sei exemplarisch genannt. Das alles funktioniert genau dann, wenn die Blase verlassen wird und das Problem von “etablierten” Medien aufgegriffen wird. Dass das möglich ist, wurde mehrfach bewiesen – gleichzeitig liegt hier aber auch schon das erste, große Problem von Twitter.

Denn Twitter, dieses anarchistische Kleinod, in dem quasi jeder posten kann wie ihm der Schnabel gewachsen ist, schafft sich mit genau diesem Anarchismus ein gewaltiges Problem: Menschen, deren Intention lediglich Hass, lediglich die Verbreitung von widerwärtigsten Anfeindungen gegen Minderheiten, Andersdenkende oder schlicht Leute, deren Nase man nicht mag, ist, können sich prima zusammenrotten und in der Gruppe einzelne mobben. Die Struktur dafür liefert Twitter selbst. Die Lösung nicht.

Wo Facebook längst öffentlich in der Kritik steht und reagieren muss, ist Twitter so ein wenig das Auenland der Social-Media-Angebote. Schon da, schon wahrgenommen, sicher auch bekannt, aber was die Größe betrifft weit hinter anderen abgeschlagen. Und das, bevor Snapchat, Periscope und Co. auftauchten. Der öffentliche Druck ist deshalb weitaus geringer. Das wiederum ist der Nährboden für jene, die nur hassen wollen – sie haben schließlich wenig zu befürchten. Die Regeln, nach denen Twitter Accounts löscht, sind sehr liberal, um nicht zu sagen lax. Ich kann monatelang jemanden auf justiziable Weise beleidigen, ohne dass Beschwerden dagegen etwas bringen. Es hilft sicher, wenn viele einen Account melden, in der Regel löscht der jedoch seine Tweets und ist dann wieder da. Sprich: Die Art, in der Twitter sanktioniert, ist schlicht unzureichend. Ob das aus einer “Lass die mal machen”-Haltung oder schlichter Überforderung resultiert, sei dahingestellt. Denkbar ist beides.

Es geht nicht darum, Meinung zu unterdrücken oder Menschen, deren Ansichten nicht passen, mundtot zu machen. Hitzige Debatten sind prima, ich hatte selbst einige davon im Laufe der acht Jahre, die ich nun auf Twitter unterwegs bin. Wenn der Diskurs fair bleibt und man gewisse Spielregeln beachtet, kann das jeder ab. Überhaupt kein Problem. Worum es geht, ist die Tatsache, dass manchen diese Spielregeln schlicht egal sind. Der Hass kennt keine Grenze, auch dann nicht, wenn sich Accounts löschen oder die Person dahinter im realen Leben Konsequenzen erfährt für das, was sie in ein 140-Zeichen-Textfenster gepostet hat. Mir sind mehrere Fälle bekannt, in denen Personen um Polizeischutz bitten mussten, nachdem sie beispielsweise aufgrund politischer Äußerungen bedroht wurden. Davor durften sie den verdutzt schauenden Beamten erst mal erklären, was Twitter überhaupt ist – Kopfschütteln der Polizisten inklusive. Man nimmt das bei Facebook mittlerweile sicher ernster und verfolgt leichter, bei Twitter dagegen passiert ohne amtlichen Beistand erst einmal nichts.

Was also tun?

So negativ das alles skizziert ist, so positiv und erwachsen ist doch der überwiegende Teil der Community. Das zu erwähnen ist wichtig, denn es soll nicht der Eindruck entstehen, dass Twitter ein Hass-Biotop ist. Wie eingangs erwähnt habe ich selbst sehr viel Positives aus meiner Zeit auf der Plattform gezogen. Viele andere ebenso. Was Twitter also tun kann, ist genau jene stärker mit einzubeziehen, die schon länger dabei sind, einen tieferen Einblick in die Mechaniken und Strukturen des Dienstes haben. Denn den hat Twitter längst verloren. Der Überblick über das, was auf der eigenen Plattform geschieht, kann mit der Anzahl an Personen, die dort arbeiten, schlicht nicht behalten werden. Genau das ist eine prima Gelegenheit, die Community mit einzubeziehen. Das geschieht anderswo seit Jahren und macht man es richtig, profitieren alle davon.

“Du willst also Blockwarte?” Nein. Ich möchte ein Twitter, das flexibler auf Belästigung, Anfeindung, Hass und Mobbing reagiert. Natürlich ist es illusorisch, einen Safaspace zu fordern, bei dem alle glücklich sind. Twitter ist letztlich Abbild der Welt da draußen und da laufen eben nun auch mal uncoole Menschen rum. Es wäre vermessen, zu erwarten, dass genau diese Menschen nicht auch im Netz anzutreffen sind. Sie sind es, nicht erst 2016 und es ist unmöglich, Twitter zu einem Ort zu machen, an dem sich niemals jemand nicht von was auf den Schlips getreten fühlt. Das kann mir in jeder S-Bahn passieren, folglich auch im Netz. Aber: Passiert mir in einer S-Bahn eine ernsthafte Bedrohung, dann ist das ein anderer Fall. Einer, in dem ich froh bin, wenn andere aufstehen, für mich Partei ergreifen und Zivilcourage beweisen, bis eben jene eintreffen, die das Gesetz vertreten und die Sache klären. Mit Blockwart hat das folglich nichts zu tun. Es ist schlicht menschlich. Es sollte es zumindest sein. Dass viele nicht aufstehen, weil sie beispielsweise Angst haben, selbst auf die Fresse zu bekommen, ist mir bewusst. Auch das ist bei Twitter nicht anders.

Und dennoch gibt es welche, die aufstehen wollen, sich gegen Hass positionieren. Twitter sollte daran gelegen sein, diese Menschen stärker zu hören, stärker miteinzubeziehen. Sie sind es oft auch, die sich stärker um das Netzwerk an sich kümmern – wenn man es vergleichen will, könnte man Die-Hard-Fans oder Fußball-Ultras heranziehen. Sie nutzen Twitter produktiv, ihnen ist daran gelegen, dass das Angebot weiterhin besteht, dabei aber nicht verharrt, sondern sich entwickelt. Diesen Menschen eine beratende Funktion zu geben, kann für alle nur positiv sein.

Das ist nun viel mehr Text geworden, als es werden sollte. Aber letztlich etwas, das mich beschäftigt und das als Vorschlag so im Raum stehen bleiben soll. Es ist keine Lösung, nicht mal im Ansatz. Es ist ein Gedanke, mehr nicht. Der vielleicht andere auf weitere Gedanken bringt. Der irgendwann zu einer gemeinsam erarbeiteten Idee wird – denn wenn Twitter eins kann, dann Leute gemeinsam auf Ideen bringen. Und letztlich zur Lösung eines Problems, dem sich Twitter annehmen muss, so es nicht Gefahr laufen will, gute Leute zu verlieren und nach außen hin lediglich als die Plattform bekannt sein, auf der man ohne Angst vor Konsequenzen in den Raum scheißen kann und danach noch Klopapier angeboten bekommt.