fast eine tolle Sache

von Volker Dohr

Selbständigkeit ist eine wunderbare Sache, aber ein zweischneidiges Schwert. In etwa so erkläre ich das Studenten, die mich fragen, ob sie nach der Ausbildung eine Festanstellung suchen oder erst einmal Freelancer machen sollen, immer. Es hilft da nix, zu beschönigen, die Leute sollen wissen, was sie erwartet. Und dass es eben auch zu Problemen kommen kann. Unter anderem mit der Krankenversicherung. Was Festangestellten selbstverständlich erscheint, ist in dem Fall nämlich alles andere als locker. Dass deshalb vielfach drauf verzichtet wird, beschäftigt aktuell die sozialen Medien unter dem Hashtag #hollerkaputt. Kurz zusammengefasst geht es darum, dass eine Krebserkrankung einen Menschen ohne Krankenversicherung an den existentiellen Rand bringt. Viele helfen, was gut ist. Was ebenso wichtig ist: Der Focus verschiebt sich auf das Problem Selbständigkeit, oder besser gesagt: die damit einhergehenden Hürden. Hier deshalb meine Erfahrungen aus journalistischer Sicht.

Du entscheidest dich nach der Ausbildung also dafür, selbständig zu arbeiten. Das ist erst einmal eine prima Sache, denn du bist dein eigener Herr und nicht in feste Strukturen wie Arbeitszeiten, Meetings und Co. eingebunden. Du entscheidest, wann du was machst und wenn du mal keine Lust hast, machst du eben nichts. Klingt in der Theorie prima, aber vernachlässigt den Faktor “Laufende Kosten”.

Rechnen wir mal konservativ:

700 Euro kostet die Wohnung pro Monat.

100 Euro gehen für Strom und Internet drauf.

300 Euro für Essen.

Und nochmal 600 bis 700 für die Krankenkasse (gesetzlich versichert). Du kannst versuchen, in die Künstlersozialkasse zu kommen, das halbiert den Betrag, ist allerdings eine Menge Papierkram, der jedes Jahr aufs Neue ansteht. Und Papierkram hast du ohnehin schon genug. Denn: Die Steuer meldet sich alle drei Monate bei dir und will eine Vorzahlung, berechnet auf dem, was du im Vorjahr verdient hast. Das kannst du drücken, bringt aber nichts, denn verdienst du im laufenden Jahr mehr als du an Vorleistungen bringst, steht eine fette Nachzahlung an. Also zahlst du, da du keine Lust hast, noch mehr Rücklagen anzulegen.

Rücklagen sind sowieso alles. Zu deinen laufenden Kosten gesellen sich schließlich noch Kosten für das, was dich als freien Journalisten attraktiv macht. Schließlich bist du nicht der einizge in diesem Bereich, ganz im Gegenteil. So ziemlich jeder macht das oder glaubt zumindest, das machen zu können. Das drückt den Verdienst (dazu später mehr) und macht es umso nötiger, dass du dich zügig etablierst. Denn etabliert sein heißt: Feste Auftraggeber haben und das heißt wiederum, ein einigermaßen kalkulierbares Einkommen kommt monatlich. Dich auf dem Markt als besten Dienstleister präsentieren tust du, in dem du etwas anbietest, das möglichst nur du anbieten kannst, Management-Sprech “USP” genannt. Und um das leisten zu können, musst du zunächst einmal investieren, denn nur auf den Marktplatz stellen und brüllen “Hier bin ich! Ich bin toll!” bringt exakt nichts. Also investieren, etwa in Technik wie einen gescheiten Rechner, eine gute Kamera und letztlich auch ein Auto oder zumindest den schnellen Zugang zu Mietwagen. Flexibilität ist nämlich alles. Kommt ein Anruf und jemand will dich noch am gleichen Tag wohin schicken, heißt das nichts anderes als “Wenn du es nun machst, geht die Kohle an dich. Sagst du nein, greift sie wer anders ab.” So und nicht anders sieht der Alltag als Freelancer aus. Es gibt immer jemanden, der den Job tut und du willst derjenige sein, der dieser jemand ist. Also versuchst du, dich wertvoll zu machen.

Das kostet. Rechnen wir (erneut konservativ) also 100 Euro pro Monat für Technik und Mobilität dazu. Das sind gerade mal 1200 Euro im Jahr und wer mal ein MacBook gekauft hat, der weiß, dass diese Summe deutlich zu niedrig angesetzt ist. Warum du ein MacBook brauchst und keinen Billigrechner? Weil die Dinger langlebig sind und du nicht in zwei Jahren schon wieder was neues kaufen willst. Ganz einfach. Weil du gar nicht weißt, ob du in zwei Jahren noch das Geld hast.

Nun sind wir bei 1900 Euro pro Monat angekommen. Damit es rund und die Rechnung einfacher wird, legen wir noch 100 drauf, schließlich brauchst du auch mal ein neues Hemd oder willst dir außerplanmäßig so eine “große” Anschaffung wie eine Schallplatte leisten. Macht 2000 Euro. Pro Monat. Und das netto, nach Steuer. Die steht wie erwähnt nicht gleich, sondern nur alle drei Monate an, worauf du dich aber nicht ausruhen wirst, im Gegenteil: Rücklagen. Schon wieder. Wenn du also denkst “Wow toll, guten Monat gehabt und 4000 Euro eingenommen” dann vergiss nicht: Das sind 4000 Euro vor Steuer. Neben deinem regulären Job entwickelst du so eine zweite Tätigkeit als deine eigene Bürokraft. Du versuchst, deine Finanzen einigermaßen im Überblick zu behalten, füllst Steuerformulare aus, um die Kosten für einen Steuerberater zu sparen. Das kostet Zeit und die zahlt dir niemand. Das machst du nebenher, Abends, am Wochenende.

Was dir übrigens auch niemand zahlt: Deinen Urlaub. Im Gegensatz zu den festangestellten Kollegen stehen dir nämlich keine gesetzlichen 25 oder 30 Tage pro Jahr an Urlaub zu. Stattdessen heißt es für dich: In der Zeit, in der ich frei mache, verdiene ich kein Geld und – schlimmer – gebe welches aus. Salopp gesagt kostet dich Urlaub deshalb doppelt. Dass du dennoch einmal im Jahr für ein oder zwei Wochen welchen nehmen willst, können wir nun in die Rechnung aufnehmen, dann werden aus unseren 2000 Euro nochmal mehr, denn: Um deinen Urlaub zu finanzieren, legst du natürlich was an? Rücklagen, richtig.

Das sind die Rahmenbedingungen, die nach dem Lesen vielleicht negativ anmuten, aber letztlich nüchtern aufgezählte Fakten sind, die übrigens immer noch stark vereinfacht dargestellt wurden.

Kommen wir zum Geldverdienen: Nehmen wir an, du hast es geschafft und man kennt dich. Du bist nicht im Tageszeitungsjournalismus unterwegs, sondern schreibst für Fachmagazine. Warum? Weil die a) besser zahlen und b) dankbarere Auftraggeber sind und c) du dein Hobby wie sehr, sehr viele Freie mit deinem Job verbindest. Nichts anderes habe ich vier Jahre lang gemacht und auch wenn’s rückblickend eine Zeit war, die nicht immer frei von Komplikationen war, so hab ich den Job doch gerne ausgeübt.

Also: Man kennt dich und ruft dich regelmäßig an. Zumindest diese paar Magazine, bei denen du dir einen Namen gemacht hast. Die wollen deine Beiträge, denn du kommst sie billiger als Festangestellte und da der Markt für Fachmagazine im großen und ganzen seit Jahren in der Krise ist, weicht man auf Freelancer aus. Das bedeutet nicht, dass du gut bezahlt wirst. Komm nicht mit Seitenpreisen von 150 oder mehr Euro. Wird es nicht geben. Im Gegenteil: Man verhandelt, auch das ist täglicher Bestandteil deiner Arbeit. Fünf Seiten Fachartikel? 300 bis 400 Euro. Wenn du Glück hast und die Story so exklusiv ist, dass man nicht umehrkommt, auf dich zurückzugreifen. Dafür darfst du dann zusehen, wie sie in sämtlichen Magazinen des Hauses zweitverwertet wird. Schreibst du etwa über ein Playstation-Spiel, findest du den Beitrag marginal umgeschrieben auch im Schwesterheft, das sich allerdings nicht der Sony-Konsole, sondern der Xbox 360 widmet, die von Microsoft ist. Ganz normal. Und online steht er natürlich auch. Was du dafür extra bekommst? Nichts.

Stattdessen erwartet dich nun ein so genanntes “Zahlungsziel”. Das variiert von Firma zu Firma zwischen 30 und 90 Tagen. Richtig gelesen: Du darfst bis zu drei Monate auf dein Geld warten. Und das ist rechtlich gesehen völlig in Ordnung. Während die festangestellten Freunde am 1. oder 15. ihr Gehalt haben, hängst du am Telefonhörer, um das Zahlungsziel unter Umständen ein paar Tage zu drücken. Ein weiterer Job, den du neben deinem Job ausübst.

An so einem Fünfseiter schreibst du übrigens ein bis zwei Tage, mit einer einigermaßen sicheren, flotten Schreibe eher einen Tag. Hier könnten wir nun eine Qualitätsdiskussion eröffnen, die darauf hinausliefe, dass ich erkläre, warum Kostendruck zu immer schlechteren Beiträgen führt, aber das ist eine andere Baustelle, letztlich ein Nebeneffekt (der hilft, die Abwärtsspirale bei Fachmagazinen noch ein wenig schneller zu drehen). Zwei Tage gehen also fürs Schreiben drauf, mindestens einer nochmal, um überhaupt das anzuschauen, worüber du schreibst. Ist das beispielsweise ein Videospiel, warst du zuvor auf einer Präsentation irgendwo entweder im Land oder in Europa. War es eine Präsentation in den USA (kam in meinem Fall häufig genug vor), ist das zwar erst mal toll und glamourös, da Flug und Hotel bezahlt werden, letztlich aber ein heftiger Zeitverlust, denn: In den Tagen von An- und Abreise verdienst du exakt keinen Cent. Während du dir in der Economy-Class also deinen Rotwein gönnst, verlierst du de facto Geld.

Was tun? Mit viel Glück hast du ein regelmäßiges Einkommen in dem du ein “Fester Freier” bist, also jemand, der etwa ein oder zwei Mal die Woche einen ganz normalen Arbeitstag in einer Redaktion verbringt. Da wirst du dann nach Tagessatz bezahlt, den du zuvor aushandelst. Das ist in vielerlei Hinsicht prima, vor allem aber, weil es ein sicheres Einkommen ist, mit dem du rechnen kannst. Für drei Monate zumindest, denn dann steht deine Folgebeauftragung an. Richtig gelesen: Du darfst alle paar Monate hoffen und bangen, dass man dich als festen Freien weiterbeschäftigt. Hat man nämlich keinen Bedarf, wird man dich wunderbar einfach und völlig legal los – auch deshalb sind Freie so gerne gesehen. Damit dieser Bedarf seitens deiner Brötchengeber weiter besteht, buckelst du dich also krumm, schließlich willst du damit signalisieren “Hey, ich leiste konstant 120 Prozent, ihr braucht mich!” Du machst gerne die Dienste zu beschissenen Uhrzeiten, auch am Wochenende oder Tagen, an denen alle frei haben.

Dafür hast du dann deinen Tagessatz von sagen wir mal 150 bis 200 Euro. Macht 600 bis 800 Euro monatlich, die schon mal drin sind. Mit etwas Glück auch mehr. Dein Arbeitgeber wird drauf achten, dass es nicht zu viel ist, denn sonst bist du scheinselbständig und das bedeutet für alle Beteiligten eine Menge Ärger.

Grob gerechnet sind wir nun bei 800 Euro aus deiner Tätigkeit als fester Freier und bei fünf bis sechs Fachartikeln bei weiteren 1500 bis 2000 Euro, vielleicht ein wenig mehr – wenn du gut verhandelst. Macht 2800 Euro. Vor. Steuer. Wir sind also noch lange nicht da, wo wir hin wollen, haben unseren Monat aber zu großen Teilen bereits verplant.

Wir haben auch in keiner Zeile dieses Textes berücksichtigt, dass du eine Familie hast oder gründen möchtest.

Wir haben keine Altersvorsorge bislang.

Wir haben auch nicht dran gedacht, dass dein Auto mal in die Werkstatt muss.

Wir haben nicht im Ansatz dran gedacht, was Unvorhergesehenes passieren kann, das Kosten erzeugt.

Die Lösung heißt Mischkalkulation. Dein Journalistenjob ist prima, aber eben nur das. Von prima ist die Bude nicht warm und das Essen nicht auf dem Tisch. Deshalb suchen sich viele Selbständige andere Tätigkeitsfelder, verfassen beispielsweise Fachliteratur, arbeiten als Übersetzer oder in einem Verlag im Lektorat. Damit ist all das schaffbar – und meistens nur damit.

So negativ das alles skizziert sein mag: Selbständig sein ist eine tolle Sache, die aber eben eine Menge Verpflichtungen nach sich zieht, einiges an Bürokram, noch mehr an telefonieren und verhandeln und letztlich vor allem an Finanzhaushalt im Blick behalten. Dafür bist du wie ganz oben gesagt dein Boss, wenn auch nicht im Sinne von “Ich bin frei”, denn wie hier nun dargestellt, bist du das überhaupt nicht. Du bist auf Einkommen angewiesen und öfter als dir lieb ist, verbiegst du dich für selbiges.

Oder verzichtest. Etwa auf die Krankenversicherung. 700 Euro im Monat sind 8400 Euro im Jahr. Eine Menge Geld. Sagst du dir mit dem Hintergedanken, dass du schon nicht krank werden wirst – was unlogisch ist, angesichts der Menge an Arbeit, die du stemmst, nein: zu stemmen hast. Aber daran denkst du nicht. Du denkst daran, dass es eine Möglichkeit ist, Geld zu sparen, um anderswo Geld anzusammeln. Damit zum Jahresabschluss immerhin die schwarze Null steht oder sogar ein Plus. Denn wenn du nicht dafür arbeitest, dass du mehr Geld hast als wenn du nicht arbeitest, warum tust du es dann? Eben. Und deshalb verzichtest du, wo du kannst.

Wenn jemand Claudius helfen möchte, hier alle Details.