wir haben uns wieder lieb

von Volker Dohr

Ein persönlicher Blick zurück auf die “Souls”-Reihe, nachdem nun einige Stunden “Bloodborne” gespielt wurden.

“Dark Souls 2″ hat in meinen Augen so viel falsch gemacht: Es war künstlich in die Länge gezogen, es hatte Leuchtfeuer an jeder Wegbiegung, man konnte vom Start weg teleportieren und wurde außerdem mit Heiltränken zugeschüttet. Vor allem – und das konnte ich nicht verzeihen – hat es mit dem Kernelement der Serie gebrochen: Jeden Meter einer verwunschenen Welt erkunden, dabei Angst haben. Das war nicht mehr. Trotz aller Fehler fand ich es damals nicht unbedingt schlecht, denn zugegeben: die Landschafen waren wieder mal traumhaft und ich mochte die Einsamkeit im Spiel. Spätestens mit der DLC-Ankündigung (nachdem man das vorher ausgeschlossen hatte) war dann aber Schluss.

Ich wollte es nicht mehr sehen und ich mag auch heute nicht mehr unbedingt dran zurückdenken. Es ist mir nicht in guter Erinnerung geblieben. Es hat mein Verhältnis zur Serie nachhaltig angeknackst und ja, dieser Satz mag blöd klingen, aber über die Jahre baut man eben als “Fan” sowas wie Zuneigung auf und Liebe will nun mal erwidert werden. “Dark Souls 2″ hat meine Liebe nicht erwidert und auch wenn es das gar nicht muss – viele Menschen fanden es ja gut und das kann ich stehenlassen – ich fühlte mich verarscht. Immerhin hat die Zuneigung zu “Demon’s Souls” gehalten – das habe ich an Weihnachten nochmal durchgespielt und liebe es weiterhin über alle Maßen. Es ist und bleibt das Eichmaß dieser drei Spiele.

Als “Bloodborne” anstand, wollte ich erst mal nicht dran denken. Blöd gesagt war mein Herz noch ein wenig gebrochen. Dann war es aber präsent, überall. Freunde schwärmten davon, ich las ausnahmsweise mal wieder Spieletests, Twitter kochte wie immer über und es war schwer, zu ignorieren, was da passierte. Irgendwann hab ich dem dann einfach nachgegeben und es gekauft, mitsamt der Konsole. War “Demon’s Souls” der Anschaffungsgrund für die PS3, so ist es “Bloodborne” im Fall der PS4. Und ich alter Nörgler wollte eigentlich gar keine neuen Konsolen mehr anschaffen. Nun ja.

Das ist nicht mal unbedingt die einige Parallele, denn: “Bloodborne” knüpft in Sachen Qualität nahtlos an das erste “Souls” an. Das weiß ich, ohne dass ich es durchgespielt habe. Das, was ich da mittlerweile 15 oder 20 oder vielleicht auch 30 Stunden lang gesehen habe, verschlägt mir immer noch den Atem. Die Schönheit dieser gotisch angehauchten Stadt Yharnam, diese Finsternis überall, diese Angst vor jedem nächsten Schritt. Die zahlreichen Tode! Das Gefühl, das man hat, wenn man endlich eine Abkürzung gefunden hat (und ja, es ist wie hier geschrieben leider nicht reproduzierbar. Aber man kann verdammt nahe rankommen!). Vor allem hat es im Gegensatz zu “Dark Souls 2″ Gegner nicht aus den Vorgängern geklont, sondern ist eine komplette Neuerschaffung. Diese Viecher und Untoten entstammen nicht weniger als den schlimmsten Albträumen, die ich mir ausmalen kann. Sie passen so wunderbar zu dieser Spielwelt, es ist so eine schöne Einheit aus Umgebung und Gegnern, dass schnell klar wird, dass “Bloodborne” kein Spiel wie andere ist, sondern einer dieser seltenen Momente, wo Gamedesigner etwas ganz eigenes für die Ewigkeit schaffen.

Ich werde den Eindruck nicht los, Miyazaki, der nun wieder an Bord ist, wollte einfach nochmal einen Schritt zurück machen und von vorne starten. Eine Welt entwerfen, die in Sachen Detailreichtum so dermaßen großartig ist, dass mir nach 25 Jahren mit Videospielen nichts vergleichbares einfällt. Und das System der Vorgänger überarbeiten: Eine Handvoll Waffen statt dutzenderweise von jeder Sorte, maximal 20 Heiltränke, weniger Attribute zum steigern und den Equipload abschaffen (auch wenn ich den eigentlich immer recht gern hatte. Der hat nochmal gut Tiefe reingebracht.). Die einzelne Waffe wird nun wirklich eine Art “Freund”, man hegt sie, rüstet sie auf, versieht sie mit Zusatz-Attributen, weil man weiß: Es kann lange dauern, bis man eine andere findet (oder beim Händler kauft) und es kann ja sein, dass die dann nicht so gut ist. Was sie auf jeden Fall ist, ist einzigartig – das hier ist keine Massenware mehr, sondern Ausgesuchtes, alles mit Eigenheiten, mit Vor- und Nachteilen. Das gilt überhaupt für die ganze Ausrüstung.

Es ist, wie Sven geschrieben hat: Wie beim ersten Mal. So viel Neues, ein so gut überarbeitetes, viel dynamischeres Kampfsystem. Das Gefühl, nochmal zu haben, was man vor Jahren mit “Demon’s Souls” hatte. Das sich-verloren-fühlen, irren durch finstere Straßenzüge, sich verlaufen, dann irgendwann weiter kommen und selbst dann zufrieden sein, wenn man nach drei Stunden nicht mehr erreicht hat als genug Blutechos für zwei Aufstiege zu sammeln. Oder gar eine Abkürzung! Oder vielleicht einen Boss! Es ist ein Sog. Es lässt mich nicht los, ich will zurück in diese Stadt, ich will jeden Winkel darin erkunden, jedes Geheimnis lüften und werde dabei doch ins kalte Wasser geworfen, habe keine Ahnung, was verschiedene Items nun bewirken, warum ich seit neuestem immer mit 20 Heiltränken aufwache, nachdem ich gestorben bin oder was es mit diesen “Kelch”-Dungeons auf sich hat. Aber: ich will’s rausfinden (und verweigere mich deshalb auch fast allen Gesprächen über Inhalte und lese um Himmels Willen nichts drüber). Alles. Das hat mir “Dark Souls 2″ genommen. Und “Bloodborne” wieder gegeben.