2014. Wir sind der beste schlechte Einfluss, den ihr haben könnt.

von Volker

Die von mir über alle Maßen geschätzte Andrea Diener hat über 2013 etwas gesagt wie “Ich saß in vielen Flugzeugen und dachte oft: Wenn es den jetzt runter nimmt, dann ist es auch nicht schlimm” und das traf zu. 2013 war ein verdammtes Scheißjahr. Es ging schief, was nur schief laufen kann und ich hatte an allen möglichen Fronten zu kämpfen und dabei nicht nur Auseinandersetzungen auszutragen, die ich gewinnen konnte, sondern auch solche, bei denen von vorneherein klar war, dass da kein Sieg drin sein würde. Etwa, dass Gamesload enden würde. Wir haben es im Mai erfahren und damals war es erst einmal nur ein loses Gerücht, dann wurde es konkreter und spätestens zur Gamescom im August wusste ich, dass das meine letzte Gamescom sein sollte. Das hat sich bewahrheitet. Ende des Jahres war klar, dass der Laden verkauft wird und spätestens ab da war es ein dahinmäandern, ein zur Arbeit gehen ohne zu wissen, was das denn alles noch soll, wo es doch eh keinen Sinn mehr macht. Gib einem Typen Arbeit, in der er keinen Sinn sieht und er geht über kurz oder lang entweder dran zugrunde oder beschließt, nichts mehr drauf zu geben und nur noch zu funktionieren. Beides Modelle, nach denen ich nicht arbeiten kann. So endete das Jahr und was ich noch gut weiß ist, dass wir bei einem Kollegen Silvester feierten und es Raclette gab und ich eigentlich nur am SMS tippen war.

Denn da war noch etwas anderes. Und das sollte 2014 bestimmen, in jeder einzelnen Faser.

Es war wieder jemand da und ich hatte über all dem, was nicht lief etwas, das eben lief und stark genug war, alles andere zu tragen. So fing 2014 also nicht schlecht an, sondern vielversprechend. Und es hat das Versprechen in großen Teilen sogar eingehalten. Kurz: 2014 war prima. Mit Abstrichen.

Januar:
Da ist dieser Wagen. Daniel meint, ich muss ihn kaufen. Ich meine, ich muss ihn kaufen. Ich kaufe ihn, wir transportieren ihn in die Garage am Bodensee, ins Haus meiner Mutter. Es ist bitterkalt, es ist klar, dass an diesem Wagen viele Arbeiten nötig sein werden, aber da ist er und er gehört mir und ich mag ihn. 25 Jahre alt wird er 2014 werden, noch fünf Jahre bis zum H-Kennzeichen, noch viel Ärger, von dem ich im Januar noch nicht viel weiß. Hauptsache, er steht erst einmal sicher in einer Garage. Der Rest wird sich schon geben.

Februar:
Es zeichnet sich ab, dass ich einen Lehrauftrag in meinem alten Studiengang bekommen werde. Online-Journalismus, Projekt zum Thema “Games-Journalism”. Ganz ehrlich: Ich bin da reingerutscht. Mein großes Maul brachte mich rein und nun galt es, der Sache auch Taten folgen zu lassen. Ich war nervös wie nochwas, ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde, aber ich hatte eine Idee: Wir betreuen die WASD online, wir schreiben gute Texte, ich bringe den Studenten irgendwas bei, das sie noch nicht wissen.

März:
Der Wagen hat eine Garage, ein Nummernschild und ich wieder ein Auto. Sommerreifen drauf, 350 Kilometer vom Bodensee bis Darmstadt zurückgelegt, Freude. Das Leben ist gut in diesen Tagen und ich weiß noch, wie die Freundin und ich verkatert beim Schrauber saßen, Kaffee tranken und rauchten, während die neuen Schlappen drauf kamen. Die Vorlesungen haben angefangen, die Nervosität ist der Freude gewichen, mit Menschen zu arbeiten. Es macht Spaß und das ist grade dringend nötig, denn at work geht es geradezu nach unten. Kollegen verlassen das Unternehmen, ich habe Angst, der letzte zu sein, der da sitzen bleibt und es nicht gebacken bekommt. Die alte und größte Angst, nämlich jene um die Existenz. Ich weiß, dass es Blödsinn ist und dass es auch ohne weitergehen würde, irgendwie. Aber ich möchte es nicht.

“Dark Souls 2″ erscheint und markiert in mehrerlei Hinsicht einen tragischen Punkt im Jahr. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, außer: Nein, das ist nicht das beste Spiel des Jahres. Nicht das beste der Serie. Punkt.

April: Opa ist tot. Sein Leben war lange und ereignisreich und ich bin auf der ersten Beerdigung meines Lebens. Es ist ein heißer Frühlingstag und mein schwarzes Hemd ist druchnässt, als ich das Sakko ausziehe. Ich halte die Tränen am Grab nicht zurück, als wir Rosen auf den Sarg werfen, der in die Erde hinabgelassen wird. Ich stütze meine Mutter. Bis heute bin ich nicht an diesen Ort zurückgekehrt. Bis heute ist da eine Angst vor dem Tod, ein nicht-einsehen-wollen des unvermeidbaren Umstandes, dass auch mein Leben einmal enden wird. Verdrängung. Verleugnung. Es soll noch so weit weg sein, ich will niemals daran denken.

Ich fahre nach Leipzig zum Spiel gegen Red Bull. Kurz davor verreckt der Wagen. Weißer Rauch aus der Motorhaube. Es sollte nicht unbedingt ein schöner Tag werden aber einer, der gezeigt hat: Wir überleben das schon, der Scirocco und ich. Wenig später fuhr er wieder. Kostenpunkt: Nicht mal 20 Euro. Das ist eben das Ding mit den alten Autos: Sie weigern sich standhaft, zu sterben und brüllen stattdessen “Reparier mich gefälligst du Idiot, ich stehe für Qualität und dafür, dass es noch möglich ist, dass ein Mensch und ein Gegenstand bei gegenseitiger Pflege ein Leben lang beieinander bleiben!” Gesagt, getan. Danach war alles wieder wie neu. Insofern man das mit 230.000 Kilometern auf der Uhr sagen kann.

Mai:
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal fünf Tage am Stück heiser war. So sehr haben wir den Sieg von Darmstadt gegen Bielefeld rausgebrüllt. Es war nicht weniger als ein Wunder, mehr kann man dazu nicht sagen. Von der Quasi-Viertklassigkeit zur 2. Liga in einem Jahr mittels eines Spiels, bei dem es eigentlich gar nix mehr zu gewinnen gab. Der Verein hat es geschafft und der Nachbar von unten und ich liegen uns weinend in den Armen, so glücklich sind wir. Das war das Sommermärchen im Frühling, scheiß auf die verdammte WM.

Wir beschließen, dass wir einige Tage Auszeit brauchen, von allem. Eine Hütte in Österreich, ohne Telefon, ohne WLAN, ohne Menschen. Es war eine der besten Entscheidungen des Jahres und der Hund rennt vor Kühen weg und wir verlaufen uns im Wald und schaffen es doch noch raus und trinken Bier auf einer Hütte und feuern Abends den Ofen mit Holz aus der Scheune nebenan an. Außerdem packt der Scirocco eine Fahrt von 900 Kilometern ohne Probleme. Das Leben ist zumindest in dieser Hinsicht wieder sehr gut und das gibt Kraft, die dringend nötig sein wird.

Juni:
30. Na also, doch noch gepackt. Seither ist alles lässiger. Viele Freunde kommen, viele Menschen zeigen, dass sie da sind, dass wir einander doch noch mögen, dass wir einen versoffenen Abend lang eine Menge Spaß haben können und es ist großartig, auch wenn ich vom Ende nicht mehr viel weiß. Außer, dass ich glücklich bin.

Ende des Monats: Geschichte, in zweifacher Hinsicht. Der beste Freund und ich sehen die Onkelz wieder, er zum ersten, ich zum zweiten Mal. Es ist mir in diesem Moment scheißegal, was wer auch immer von der Band halten mag, an diesem Abend sind 120.000 Menschen eine Familie, das ist auch kein Konzert, sondern mehr eine Messe und wir landen im Bett und sind einfach nur glücklich. Und heute umso trauriger, dass sich die Geschichte wiederholt und zur Serie wird, dass die Magie dieses Abends einer alljährlichen Kassemach-Nummer weichen soll. Wir werden nicht wieder hingehen. Aber den Abend in Erinnerung behalten, ganz, ganz weit vorne.

Teil zwei der Geschichte findet Ende Juni seinen Weg aus dem Osten nach Bad Harzburg. Ein Golf 1 Cabrio, Baujahr 1984, an einem Morgen gesehen, am selben Tag gekauft. Es ist eine Schnapsidee, aber er kostet nichts, er wird Arbeit bringen und wenn er einmal wieder läuft, fährt da nicht weniger als ein elends cooles Stück Automobilhistorie. Der Juni endet gut.

Juli:
Ein langer Monat. Ein wirklich langer Monat. 8 Stunden Arbeit können verdammt elendig sein, wenn du nichts zu tun hast und ich beschließe, dass ich mich damit nicht abfinde und beginne eine Hospitanz in der Nachrichten-Redaktion. Ich fühle mich wohl. Es ist stressig, es ist ein Arbeitspensum, dass ich verlernt habe, ich lerne wieder, dass ich es packen kann, ich komme nach Hause und bin ausgepowert, fertig, aber glücklich. Ich habe das Gefühl, mein Geld wieder zu verdienen. Das war die Monate davor nicht so. Die Monate davor waren die Hölle und ich bin verdammt froh, dass ich da raus bin. Die Sache hat wieder Sinn, ich wieder eine Aufgabe. Abends gehe ich zufrieden ins Bett und stehe morgens wieder gerne auf. Das klingt banal, aber…

Bei der Gelegenheit interviewen die Studenten und ich noch Uwe Boll. Das war auch ein verdammter Ritt. Aber eine Sache, die ich immer gerne getan haben wollte. Wir warten eine Stunde vor seiner Villa in Mainz und haben Schiss davor, in diesen dunklen Tunnel zu gehen, der sich dahinter in den Berg bohrt und in dem wir ihn vermuten oder schlimmer, ein Kamera-Team, das uns filmt, wie wir uns zu Tode erschrecken. Ist bei diesem Mann drin. Es ist ein gutes Gespräch. Man muss ihn nicht mögen, aber er hat etwas zu sagen. Auch das muss man nicht mögen, auch da kann man kritisch reingrätschen und das honoriert er sogar, denn das ist ein Boxkampf. Geh in Deckung, steck ein, teil aus, schauen wir mal, wer stehen bleibt. Wir bleiben stehen, er auch. Und es kommt ein wirklich schönes Gespräch dabei heraus. Ich denke gerne daran zurück.

August:
Das erste Festival seit.. ja, seit wann eigentlich? Zumindest als Zeltgast eine Ewigkeit her. Es läuft nicht alles rund, nicht alles so, wie gedacht, aber der Spaß ist da und ich merke, dass ich nun das Alter habe, um das ich früher andere immer beneidet habe: Ich kann mit 30.000 Gruftis vor einer Bühne stehen, keiner davon sein und mich dennoch akzeptiert fühlen. Es sind schöne Tage im frühen Herbst.

Es zeichnet sich ab, dass in Sachen Arbeit einiges gehen könnte. Ich bin aufgeregt. Ich darf nicht darüber reden.

Der Scirocco zickt erneut. Eine Zündkerze kracht warum auch immer heraus und er wird abgeschleppt. Es steht außer Frage, dass er es packen wird, scheißegal, wieviel das auch kosten wird. Es kostet nicht so viel und ich habe ihn wenige Tage später wieder. Dieser Wagen wird nicht sterben. Er ist nicht endlich. Das ist ein gutes Gefühl.

Ich beende zum Ende des Monats alles, was ich mit Games beruflich zu tun hatte. Acht Jahre. Alles geschafft, zumindest gefühlt. Und nun raus. Es ist ein angenehmes Gefühl. Ich bin glücklich.

September:
Volker Bonacker ist nun Nachrichten-Redakteur. Und darf das auch sagen. Es hatte sich die Tage davor abgezeichnet, war aber wie immer: Bevor nicht eine Unterschrift unter einem Dokument ist, hältst du dein Maul, egal wie hibbelig du auch bist. Ich bin dort, wo ich eigentlich immer hin wollte, ich mache das, was ich gelernt habe, ich muss mich nicht mehr damit herumschlagen, dass mich Menschen anrufen und sagen, dass ihnen dieses oder jenes an meinem Text nicht passt und durch die Blume andeuten, dass es das dann gewesen ist mit den Einladungen zu internationalen Events, sollte ich nicht mitspielen. Das ist vorbei. Auch das Gamesload-Ding. Keine Reportings mehr, nicht mehr dadurch definieren, was du in einem Excel-Sheet bringst, sondern dadurch, was du jeden verdammten Tag leistest. Ich habe Bock auf den neuen Job, er ist genau die Veränderung, die ich gebraucht habe, um nicht einzugehen. Und eingegangen wäre ich, da bin ich rückblickend sicher.

Eine Sache noch, über die ich bislang nicht gesprochen habe: Ich hatte mich für den “GSA Manager” von Good old Games beworben. Ich hätte dafür nach Warschau ziehen müssen. Es wäre eine echt gute Zeit geworden mit Menschen, die klar das sind, was ich hierzulande in der Spieleindustrie vermisse: Leidenschaft. Vermutlich hätte es sogar geklappt, ich hätte den Job auch einigermaßen gut gemacht. Es kam eben nur etwas dazwischen. Und mittlerweile bin ich da ganz dankbar für.

Wir verloben uns. Nach neun Monaten, die nicht immer einfach waren, auch wenn es nach außen hin anders wirken mag. Aber die Sicherheit ist da und alles andere interessiert mich nicht. Ich brauche keine gemeinsamen 15 Jahre, ehe ich mich dazu entschließe, dass es für immer sein soll. Mir reicht das Gefühl. Ihr auch. Ich frage sie im Scirocco auf dem Weg von Braunschweig nach Bad Harzburg und sie sagt ja. Es gibt keinen besseren Ort, keine bessere Zeit. Das Leben fängt an, in geraden Bahnen zu laufen, das Schlingern der letzten Monate ist vergessen, zumindest erst einmal erfolgreich verdrängt. Da liegt eine goldene Zukunft vor uns und ich freue mich darauf, ich habe keine Angst mehr davor.

Oktober:
Erst einmal ins Warme. Die erste Woche des Monats verbringen wir in Malta. War gut, nochmal rauszukommen. Gibt viele Erinnerungen, viele schöne Momente, viele neue Probleme. Vieles, das eben noch nicht geklärt ist, das noch geklärt wird müssen. Nach der Landung in Frankfurt ziehe ich das erste Mal eine Jacke an. Die warmen Tage sind vorbei. Und die nächste Frühschicht steht ohnehin an, so eingeplant bin ich mittlerweile.

November:
Philae landet und ich wache viel zu spät auf. Gut, ich habe erst um 16 Uhr Dienst (ich schreibe absichtlich Dienst, nicht Schicht oder so etwas, think about it) und es ist noch Zeit, aber ich soll einen Außeneinsatz haben und Stimmen einfangen. Mach ich nicht. Stattdessen rufe ich Andrea an, die bei der ESA direkt vor Ort ist und schau, dass ich da auch rein komme. Es klappt und ich bin der Frau unendlich dankbar und sitze zwischen 200 Journalisten aus aller Welt und fühle mich wieder wie der 18 Jahre alte Junge, der keinen Plan hat. Allein, dass dieses Gefühl wieder da ist, bringt mich zu unendlicher Dankbarkeit.

Die letzten Wochen in der Ausbildung meiner Freundin brechen an. Ein Ziel ist in Sicht. Ein Traum. Wir wohnen zusammen, wir bauen unser eigenes, kleines Nest, es wird gut, wir haben alles, was wir brauchen, wir sind glücklich. Es rückt näher und näher.

Krebs ist wieder da. Nicht in mir. In meinen Gedanken. 17 Jahre ist es her und ich habe endlich die Kraft, den Beitrag zu verfassen, der so lange darauf gewartet hat, niedergeschrieben zu werden. Meine Finger fliegen über die Tastatur, ich habe jeden Satz davon in Gedanken schon tausend Mal niedergeschrieben. Ich kann es nun aussprechen, vor aller Welt und mit allem Stolz: Ja, ich war da. Ja, ich war todkrank. Ja, ich hab es gepackt. Und weiß seither, dass mich so leicht nichts umwerfen kann. Komm erst mal, was auch immer du bist! Sei dir gewiss, dass der Typ, den du angehst, jede Menge Power hat, egal wie schwach er nach außen hin wirken mag! Nein, mich kriegt nichts und es war ironischerweise ein Videospiel, das mich all das aufschreiben ließ und ich bin sehr froh, dass “That dragon cancer” via Kickstarter finanziert wurde. Auf meine eigene Art.

Dezember:
Der Hund ist krank. So richtig. Damit komme ich nicht klar, denn das passiert normalerweise nicht. Normalerweise passiert auch nicht so viel Scheiße wie die Wochen davor, mit Anzeigen, Gängen zur Polizei, nachts Anschreiben an Ordnungshüter in korrektestem Juristendeutsch verfassen, rauskommen, klarkommen, Sachen geregelt bekommen. Mein Leben hat zum Ende des Jahres seine geordnete Bahn wieder, ich brauche nichts, das mich da raus wirft. Und es passiert dennoch. Es rüttelt, aber es wirft mich nicht um. Es ist nur Kram mit Hunden und Bissen. Das bekommt man geregelt. Die Ruhe habe ich mittlerweile.

Überhaupt Ruhe: Der Volker mit 30 ist ruhig geworden. Er stresst sich nicht mehr wegen Dingen wie früher. Er geht es gelassen an. Er weiß natürlich noch, wie es sich anfühlt, Puls zu haben, er weiß, wie es sich anfühlt, wenn man denkt das Herz rast obwohl es das überhaupt nicht tut. Das Gefühl ist noch da und damit ein Beitrag, den ich noch nicht getippt habe, obwohl er seit zwei Jahren getippt werden sollte. Aber es weicht. Es weicht einer Ahnung davon, was 2015 kommen wird.

2015 wird eine verdammt coole Angelegenheit.

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