warum ich meine Playstation 4 abbestellt habe

von Volker Dohr

warum ich meine Playstation 4 abbestellt habe

Man, hat Sony dieses Jahr Boden bei mir gutgemacht. Die Firma, deren aktuelle Konsole noch klar gegen das Konkurrenzprodukt abgestunken hat und deutlich häufiger Staub ansetzte als die Xbox 360. Deren Update-Zyklus mir heute noch den letzten Nerv raubt, deren Controller trotz angenehmem Gewicht nicht so gut in der Hand liegen will wie jener der Microsoft-Konsole. Und deren Store der Konkurrenz ebenfalls hinterherhinkt. Und dann das: Im Rahmen der E3 schlicht und ergreifend eine Konsole ankündigen, die sich auf Spiele, auf Spieler fokussiert und nicht darauf, dass ich mir die NfL streamen kann, mir keine eingebaute Kamera aufzwingt, mich nicht mit einem Kopierschutz gängelt (allein das Video dazu!) oder mir via Always-On vorschreibt, dass ich besser demnächst nicht in irgendein internetloses Kaff im Schwarzwald ziehe. Das und dann noch einen um 100 Euro günstigeren Preis machten es Spielern wirklich einfach: Die Next-Gen-Entscheidung fiel noch am Folgetag der E3-Präsentation, am 11. Juni wanderte die PS4 bei Amazon in den Vorbestell-Ordner. Nun, wenige Wochen vor dem Release, ist sie wieder von dort verschwunden und das muss natürlich erklärt werden.

Zunächst einmal bleiben die oben aufgeführten Gründe bestehen: Wer sich nur eine von zwei Konsolen leisten kann, greift ganz klar zur PS4. Ohne wenn und aber. Weiter zementiert hat diesen Eindruck die Gamescom-Präsentation (meine ausführlichen Eindrücke dazu hier): Sony hat auf äußerst angenehme Weise auf die übliche Business-Selbstbewerbung verzichtet, und den Leuten über eine Stunde lang Neuvorstellung um Neuvorstellung um die Ohren gehauen. Eine Flut an neuen Games, an vielversprechenden Titeln, an interessanten Indies. Apropos: Den Indie-Markt hat Sony ebenso für sich erschlossen und das für mich überzeugender als die Konkurrenz. Was in der aktuellen Konsolen-Generation schon mit grandiosen Titeln wie “Journey”, “Hotline Miami” oder “Papo & Yo” seinen Anfang genommen hat, wird in der Folgegeneration deutlich stärker gepusht. Logisch, Indie ist für die Industrie das nächste goldene Kalb, nachdem Casual und Bewegungssteuerung langsam, aber sicher vom Tisch sind oder der Hype verflogen. Was genau Sony da nun treibt, liest sich in der EDGE recht schön nach. Für mich war damit das nächste Pro-Argument gefunden. Wenn Sony 2013 etwas richtig gemacht hat, dann war es die Selbstdarstellung als Freund der Spieler, als eine Firma, die sich um die Bedürfnisse von Core-Gamern jeder Couleur sorgt. Während die Konkurrenz Fettnäpfchen um Fettnäpfchen geradezu gesucht hat. Die Vorbestellzahlen der PS4 illustieren, dass man Sony die PR abgekauft hat. Last but not least dann noch das wirklich schöne “Perfect Day”-Commercial, das zwar nicht so gelungen wie der legendäre “Michael”-Clip war, aber den Eindruck ein letztes mal festigte: Sony ist die Firma der Stunde, wenn es um die nächste Generation an Konsolen geht. Andernorts hat man das bereits im August mit deutlichen Worten festgestellt.

Warum nun die Abbestellung, wo doch alles so prima ist?

Die Antwort ist recht einfach: Ich brauche aktuell keine neue Konsole.

… oh, wow, das konnte ich im Juni nicht wissen? Nein, konnte ich nicht. Oder nur bedingt. Sicher, wirklich brauchen tut Konsolen eh kein Mensch, oder Videospiele, oder überhaupt jede Form von Unterhaltungsprodukt. Alles luxuriöser Eskapismus-Zeitvertreib für West-Kids, die zu faul sind, vor die Tür zu gehen und ihre Freizeit mit Leibesertüchtigung, Härterwerdung und bla zu verbringen. Schlechter Scherz beiseite, wieder ernsthaft: Ich wollte sie haben. Wirklich. Ganz fest. Will das immer noch. Nur: ich brauch sie nicht zum Release. Es kann warten.

Wie das? Zunächst einmal hat sich Sony auf der Zielgeraden ein wenig selbst einen Strich durch die Rechnung gemacht: Mit der Verschiebung von “Watch_Dogs” und “Driveclub” gehen zwei für mich wichtige Titel flöten und schaut man in die Liste der PS4-Games, sieht man zum Start wenig, das nicht auch auf aktuellen Konsolen erscheint, noch weniger sogar, dass nicht die Kriterien der Bonacker’schen Lieblingskategorie “Seelenloses Jahrestakt-Update” erfüllt. Während die Verschiebung nicht wirklich schlimm ist – mit so etwas lernt man in den Jahren in der Videospielindustrie sowohl als Pressevertreter als auch als Fan leben – ist da eine akute Unlust, nur wegen einem neuen “Call of Duty” eine neue Konsole anzuschaffen. “The Last Guardian” wäre das wert – der Activision-Shooter dagegen nicht.

Das Spielemangel-Argument ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist: die Konsolen-Anzahl in meinem Haushalt hat kurz vor dem PS4-Release ein Level erreicht, das nur als “gesättigt” beschrieben werden kann. Xbox 360, PS3 und seit wenigen Wochen noch eine Wii U, es ist alles da. Und die drei werden noch für Jahre mit Software versorgt sein. Kein Konsolen-Hersteller wird von heute auf Morgen auf eine Hardware-Basis zig Millionen Geräten pfeifen, egal wie oft Headlines noch “Der letzte große Titel für PS3″ lauten mögen. Da kommt noch einiges, mindestens über 2014 hinweg, vermutlich auch noch bis 2015 hinein. Vor allem für die Wii U, die hat ihre größten Tage noch vor sich, sei mal idealistisch-träumerisch dahinprophezeit (“Bayonetta 2″ wird’s schon richten!).

Und bis dahin brauche ich schlicht nichts neues. Aktualitätsdruck ist etwas, das mit zunehmenden Jahren mehr und mehr von mir abfällt. Einerseits, weil mit dem Ende des Spielejournalisten-Daseins im vergangenen Oktober auch der latente Zwang, immer bei allem der Early-Adopter zu sein, verschwunden ist. Andererseits, weil hier noch ein verdammter Stapel Games rumliegt, die es auch mal verdient hätten, gespielt zu werden. So sehr mich Sony 2013 auch umgarnt hat und das wirklich schön machte, so sehr lass ich mich davon nicht zu einer Kaufentscheidung bringen, die ich bei näherer Betrachtung eigentlich gar nicht tätigen muss. Zumindest nicht jetzt.

Wann denn dann!

Vermutlich gegen Ende des nächsten Jahres, frühestens. Da gibt’s dann eine hübsche Anzahl an Titeln, vermutlich ein Bundle, vermutlich zu einem Preis, der noch attraktiver ist als die ohnehin attraktiven 399 Euro, die Sony nun aufruft. Da lässt sich dann drüber nachdenken. Bis dahin wird es an aktuellen Titeln für die aktuellen Konsolen nicht mangeln. Sicher, die sehen dann eben verglichen mit der PS4-Version nicht so schön aus. Interessiert das jemanden, der immer noch gerne “Mario Kart” auf dem N64 zockt? Nein. Gute Games definieren sich nicht über gute Grafik. Aber gute Konsolen über gute Spiele. Und die wird die PS4 haben. Wenn sie dann in meinem Haus landet.

(P.S.: Sollte “The Last Guardian” im laufe des nächsten Jahres erscheinen, ist dieser gesamte Beitrag hinfällig, nichtig und sowieso mal egal. Ist aber klar, oder?)