there are no happy endings

von Volker Dohr

Max Payne 3

Es scheint in diesen Tagen eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen nahezu sämtlichen Spiele testenden Menschen, dass eine Besprechung zu “Max Payne 3″ unbedingt und unzweifelhaft Vergleiche mit dem Vorgänger beinhalten muss. Die im Raum stehende Frage lautet mal wieder: “Ruft es noch Gefühle hervor, die es vor neun Jahren hervorrief?” und – seien wir ehrlich – eigentlich will man doch gar nichts anderes, als dass Max es nochmal macht. Entwicklungsbedingte Fortschritte sind nicht so gerne gesehen. Es soll sein, wie es immer war, bleiben, wie es gewesen ist. Nun, das ist es nicht und das stößt vielen sauer auf (ist doch ihre Schreibe seit mindestens 2003 auf gleichem Niveau stagniert und sie der Ansicht, das sei so ganz korrekt, schließlich muss man Games auch 2012 noch sezieren und zerlegen und danach objektiv, nach Kriterien und Regeln bewerten). Ich sehe das alles nicht so wild. Im Gegenteil: Der neue Max und ich kommen gut miteinander klar. Was ich mir stattdessen gewünscht hätte, wären mehr persönliche Noten in den Besprechungen: Etwas darüber, was genau das für ein Gefühl war, damals, im zweiten Teil. Sowas wie die eigene, kleine “Max Payne Story” des Rezensenten. So etwas. Hier ist meine.

2004, im Winter. Ich habe seit sechs Monaten Abitur, studiere seit etwas mehr als zweien Soziologie. Die Uni ist ein großer, verwinkelter Ort, ich weiß nicht so ganz, wohin und warum und was das alles überhaupt soll. Im Dezember, kurz vor Weihnachten, zerbricht meine erste Beziehung. Die Welt geht unter. Ich bin lethargisch, will nichts und niemanden mehr sehen, zwischen mir und da draußen ist eine unsichtbare Mauer, die alle Geräusche nur gedämpft durchkommen lässt, ich nehme mein Umfeld nur noch reduziert wahr, es scheint alles unwirklich. Ein Gefühl, dass – so viel werde ich später lernen – typisch für das Ende einer Beziehung ist und damit zwar jedes Mal auf’s neue etwas grausames, aber letztlich doch auch etwas, das man erfassen kann, etwas, das typische Merkmalsausprägungen aufweist, kurz: etwas, das vorüber geht.

Bis es soweit ist, werde ich mein Studium geschmissen haben, zu Hause ausgezogen sein, ein neues Studium in einer neuen Stadt begonnen haben, mit dem ich mich auch weitaus besser anfreunden kann als mit der Soziologie. Dort, wo ich heute stehe, würde ich nicht stehen, wäre das alles damals nicht passiert. Eine Ironie der Geschichte.

Während ich realisiere, was passiert ist, dass ein Mensch, der einmal alles war, nun nicht mehr alles ist, begleitet mich (neben einer stetig leerer werdenden Flasche Single Malt) ein Typ, der weitaus mehr verloren hat: Max Payne wurden Frau und Kind genommen, für immer, nicht nur, weil eine Beziehung beendet wurde. Der Typ geht durch eine Scheiße, die so dermaßen härter ist als der Kram, den ich gerade durchlebe, dass genau hierin vielleicht der Grund liegt, warum “Max Payne 2″ in jenen Tagen ein steter Begleiter ist: Sehen, dass es jemanden gibt, dem es noch dreckiger geht, und sei er nur ein virtueller Ex-Cop auf tiefrotem Rachetrip. Die Zwischensequenzen (Comics, die verschiedene, kleine Lebensweisheiten enthalten, die ein Typ, der seine Knarre statt auf Feinde in jeder Sekunde auch an den eigenen Schädel halten könnte, so von sich gibt) werden zum persönlich wichtigsten Element, ich finde mich oder meine Situation darin wieder. “There are no happy endings”, “It wasn’t over”, “There are things in life you cannot choose: how you feel”, das klang alles so schlau, so schön, so erfahren. Hat es geholfen? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß, wir haben uns die Nächte mit Max um die Ohren geschlagen. Ich hatte mich zu einem Freund verkrümelt, abseits von Kugel um Kugel in Gegner zu jagen und Whisky trinken gab es damals wenig zu tun. Betäubungstherapie.

Das war vor einer langen Zeit, manchmal denke ich, es war ein anderes Leben und seither ist viel passiert: Die erste Freundin und ich sind Freunde geworden, der Ortswechsel nach dem Abbruch des Studiums hat nicht nur für ein abgeschlossenes, neues Studium gesorgt, sondern auch dafür, dass ich das dritte Abenteuer von Max sowohl privat als auch beruflich verfolge. Und nun an dieser Stelle wohl etwas stehen sollte wie “Das ist nicht mehr das, was es damals war!” Ganz ehrlich? Mit der Erwartungshaltung kommt man nicht weit(er). Sicher, es muss eine Handvoll liebgewonnene Elemente enthalten, um sich “Max Payne” zu nennen – das ist der Minimalkonsens, ohne den geht es einfach nicht. So wie es kein “Call of Duty” ohne Waffe geben kann, wird Max etwa nie ohne Bullet Time auskommen. Und als zum ersten Mal jene auf der Geige gespielte Melodie erklingt, weiß der Spieler: Da ist er wieder, der alte Freund, fühlt sich wohlig umarmt und hereingebeten in die gute Stube. Soviel Nostalgia muss drin sein. Aber alles, was darüber hinaus geht, nennt sich Entwicklung. Ich bin nicht mehr, wer ich damals war – warum sollte ich diesen Fortschritt also meinem Begleiter der Tage vor achteinhalb Jahren nicht zugestehen? Die Welt hat sich weitergedreht, auch wenn Max das am Ende seines neuen Rachetrips mit “Time moves forward, and nothing changes” anders sehen mag. Deshalb hier auch keine Klagen über das neue Setting, über die fehlenden Comic-Strips, über einen Mangel an Noir-ness oder darüber, dass der Protagonist zugelegt hat (scheiße, ich hab selbst nen Bauchansatz mittlerweile, so fucking what?). “Max Payne 3″ ist gut so, wie es ist, ein geradliniger, schnörkelloser Shooter mit einer Rockstar-typischen, erwachsenen Geschichte um einen Mann, der alles verloren hat und weiterhin keine Ruhe finden darf. Er hat derart lange in den Abgrund geschaut, dass er selbst zum Abgrund wurde, was er da tut, tut er nicht, weil er es will, sondern weil es schlicht nichts anderes gibt, dass er tun kann, weil er ganz einfach keine andere Daseinsberechtigung hat.

Gibt es eine persönliche “Max Payne 3″-Story, etwas, das mich ähnlich emotional an das Spiel bindet wie an den Vorgänger, einen Abschied, den Max’ Reise mir zu verarbeiten hilft? Vielleicht. Wenn, dann werde ich sie spätestens in achteinhalb Jahren aufgeschrieben haben. Bis dahin bin ich Max ein weiteres Mal dankbar dafür, einfach nur dagewesen zu sein zu einer Zeit, die genau die Richtige war.