auf Level 30 beginnen

von Volker

Die Spielemesse Gamescom verweigert in diesem Jahr Bloggern eine Akkreditierung und damit den Zugang zum Pressebereich, in dem Präsentationen und Interviews von und mit Spieleschaffenden stattfinden. Das Statement liest sich wie folgt: “Es werden keine Akkreditierungen an Inhaber privat initiierter Spiele-Homepages, privat initiierter Blogs sowie Podcast-Seiten ausgestellt.” Zudem spielen “Zugriffszahlen und Größe des Mediums (…) bei der Akkreditierung und der zugelassenen Personenanzahl eine Rolle.” In der Blogosphere (Gott, wie lange habe ich diesen Ausdruck nicht gebraucht?) kommt das einem Schlag ins Gesicht gleich, viele fühlen sich unverstanden und machen ihrem Unmut via Twitter Luft. Ich möchte ein paar Worte dazu verlieren. Weil ich in beiden Welten – Blogs und Journalismus – zu Hause bin und mir aktuell auf beiden Seiten ein wenig die Ausgewogenheit in den Kommentaren fehlt.

Zunächst ein Disclaimer vorab: Ich bin ausgebildeter Journalist. Gut ausgebildet, wenn ich mal ganz uneigennützig für den Studiengang Online-Journalismus werben darf. Seit Anfang 2005 betreibe ich verschiedene Blogs, ich habe damit begonnen, als es den Trendbegriff “Web 2.0″ noch nicht mal gab, ich bin dabeigeblieben, als es der heißeste Scheiß war und ich werde auch in Zeiten von Facebook und Twitter, wo allernorts mokiert wird, das lese doch keine Sau mehr, einen scheiß drauf geben, was allernorts gesprochen wird. Soviel dazu. In der Spielebranche bin ich seit einem Praktikum 2006 beheimatet. Das sind nun auch bald sechs Jahre, vier davon als Freelancer, für Online wie Print. Sollte das als Qualifikation nicht reichen, habe ich noch eine Diplomarbeit mit einem branchenrelevanten Thema (“Zukunft Spielejournalismus: Strategien für Print- und Online-Angebote”) im Ärmel. Ich mag, was ich tue und ich achte nicht darauf, ob es gedruckt ist oder am Bildschirm zu lesen, ob es ein Blog ist oder ein Podcast oder ein kommerzielles Magazin oder ein Nonprofit-Angebot. Die Veranstalter der Gamescom, die Kölnmesse AG, trifft hier Unterscheidungen. Und damit beginnt der ganze Trouble.

Rückblick, Gamescom 2011: Das Business Center, wo die Presseveranstaltungen stattfinden, ist von Tag eins an hoffnungslos überlaufen und ich bekomme öfters als nur ein Mal mit, wie Kollegen über die auffallend hohe Anzahl Minderjähriger lästern, die mit Presseausweisen rumrennen. Die Vermutung, die Kids wären nur hier, um Merch abzugreifen, Interviews mit Handykameras zu filmen und gehaltlose Beiträge in ihre Online-Portale schießen, wird das eine oder andere Mal nicht nur mir gegenüber geäußert, ich hege sie auch selbst. Das hat einen einfachen Grund: Die Kids heute werden als Medienmacher groß. Sie sind alle gleichermaßen Sender wie Empfänger, nicht mehr wie ich, der zu Jugendzeiten noch auf die monatlichen Ausgaben seiner Lieblingszeitschriften gewartet hat und deren Autoren vergötterte. Heute bin ich selbst einer und weiß, wie lange der Weg in den Journalismus sein kann, welche Stolperfallen warten und wie fies man sich manchmal mit Widrigkeiten rumschlagen muss. Es ist kein Traumjob und wenn ich jährlich in Köln aufschlage, stehen dort vier Tage knochenharte Arbeit an. Termine, Fotos machen, Texte tippen, Fotos bearbeiten, hochladen, kurzs ins Hotel, duschen, Party hier, Party da, zurück, nochmal Texte verfassen, abschicken, telefonieren, Termine umlegen, hier spontan auftauchen, das noch mitnehmen, Shakehands, Networking, was weiß ich. Ich liebe es, weil es angenehmer Stress ist. Aber eben auch Arbeit. Und das trennt mich von denen, die ein Blog nur als Hobby betreiben. Ich möchte den letzten Satz ausdrücklich nicht wertend verstanden wissen, ich möchte zunächst nur zeigen, worin Unterschiede bestehen: Ich lebe von dem, was ich tue. Ein Blogger tut das nicht. Er hat ein Hobby. Und das betreibt er mit Herzblut, gelegentlich vermutlich sogar mit mehr Herzblut als mancher langjährige, professionelle Schreiber, der alles schon mehr als nur ein Mal gesehen hat und sich in seinen Texten von altbekannter Floskel zu altbekannter Floskel hangelt (warum Spielemagazine nicht mehr gelesen werden? Das wäre schon mal ein Grund).

Mehr noch: Talentierte Amateure bereichern den Journalismus. Ich bin ein großer Freund von bürgerjournalistischen Beteiligungs-Angeboten, immer schon. Da draußen liegt viel Fachwissen, viel Expertise, die so eben kein Redakteur unter einem Dach bündeln kann, dazu fehlen Geld und Manpower. Deshalb kann man voneinander profitieren, stets unter der Prämisse, dass da eben jemand ist, der Ahnung hat, auf der anderen Seite aber jemand arbeitet, der weiß, wie ein gut gemachter Text auszusehen hat, der gelernt hat, mit Sprache umzugehen. Das ist ein weiterer Unterschied: Journalismus ist ein zu erlernendes Handwerk, nichts das man könnte, nur weil man weiß, dass ein Satz aus Subjekt, Objekt und Prädikat besteht. Das ist vielen so nicht bewusst, aber was wir tun, tun wir mit Sorgfalt, mit Bedacht, mit viel Nachdenken, ehe der erste Satz auf dem Papier erscheint. Notizen machen, zuhören, aus Gesichtsausdrücken lesen, das “Besondere” an einer als allgemein wahrgenommenen Situation finden und herausarbeiten. Vor allem nochmal über einen Text nachdenken. Und nochmal. Das fordert mehr als nur Talent und wer sich auf den Weg in den Journalismus macht, lernt als allererstes, das er in genau dieser Hinsicht bislang ein ziemlich falsches Bild vom Fach gehabt hat. Nur weil du dir Federn in den Arsch steckst, bist du kein Huhn. So einfach ist das. Unnötig zu erwähnen, dass genau diese Kids, die nur rumstehen und tatsächlich auffallend häufig mit großen Taschen voller Kram anzutreffen sind, fehl am Platz sind, wenn es sich um den Pressebereich einer Messe handelt. Denn sie sind genau das nicht: Presse.

Zurück zur Gamescom, deren Schritt ich zu Teilen verstehe: Es ist ihr Haus, sie bestimmen, wer Eintritt erlangt und das tun sie vermutlich gemäß ökonomischen Kriterien, man will schließlich erreichen, dass die anwesenden Pressevertreter in ihrer Gesamtheit ein möglichst großes, breit gestreutes Publikum erreichen. Was bringt es, ein Ticket auszustellen für einen 16-Jährigen, dessen Blog eine Reichweite von wenigen hundert Klicks im Monat hat, der hauptsächlich News von US-Seiten übersetzt und dessen selbstverfasste Tests grausam zu lesen und voller Fehler sind? Nichts. Ich würde so jemanden weder mit einem Presseticket versehen, noch als Publisher bemustern. Warum auch, was habe ich davon für einen Nutzen? Gar keinen. Das ist traurig für den Betroffenen, aber eben wahr. Will jemand wirklich Journalist werden, wird ihn das allerdings nicht davon abhalten. Im Gegenteil: er wird hartnäckiger, bleibt dran, lässt nicht locker – Tugenden, die später einmal zum täglichen Rüstzeug gehören. Man steigt da im Beruf schließlich auch nicht als Chefredakteur ein, man arbeitet sich nach oben vor. Ich habe mit 19 für den Lokalteil Meldungen über sonstwie kleine Dinge geschrieben. Dass ich einmal eine Spielemesse in Leipzig oder Köln besuchen würde, dass ich binnen eines Jahres auf Einladung und Kosten des Einladenden ein halbes Dutzend Mal nach Übersee fliegen würde, war damals so weit entfernt wie nochwas. Und es hat trotzdem geklappt. Weil dranbleiben eben nicht damit beginnt, dass Minderjährige, die fachlich – und hier geht es tatsächlich nur um das, was in Zeugnissen und auf dem Papier steht – keinerlei Qualifikation haben, direkt mit freiem Eintritt in eine Welt versehen werden, die ansonsten erst einmal erarbeitet werden muss. Ich beginne “Skyrim” doch auch nicht auf Level 30, verdammt noch mal.

Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass da draußen sehr wohl erwachsene Menschen sind, die sehr wohl sauber arbeiten, hohes Fachwissen haben, sich voll reinhängen und – wichtig – auch die ökonomischen Kennzahlen mitbringen. Ein Blog, das zwischen 20.000 und 30.000 Abrufen monatlich generiert, über eine Aktion wie die der Gamescom als irrelevant zu degradieren, ist aufs Äußerste beleidigend und zieht völlig zurecht frustrierte Reaktionen nach sich. Das Problem ist: Wie unterscheide ich zwischen relevanten und unrelevanten, privaten Angeboten? Ich muss, da spricht nun der Wissenschaftler, operationalisieren. Welche Merkmale  und Ausprügungen selbiger schreibe ich dem Begriff “relevant” zu? Mögliche wären: Reichweite, Pagerank, Anzahl Backlinks, Anzahl Jahre im Netz, Umfang / Level von Feedback auf der Seite. Es gäbe einige Ansatzpunkte. Und alle haben gemein, dass man dem Veranstalter nicht zumuten kann, jedes Blog dahingehend einzeln zu scannen und zu bewerten. Warum auch, dessen Betreiber wollen doch schließlich etwas von der Kölnmesse. So kommt man nicht weiter. Muss man auch nicht: Es gibt Seiten, die Blogs in Charts hitlistenartig versammeln, thematisch geordnet. Das eignet sich durchaus für einen Überblick, so man diesen Sammelseiten die nötige Glaubwürdigkeit zuschreibt. Denn – und auch das darf nicht vergessen werden – Traffic und Co. kann man sich problemlos zusammenbescheißen, die Kontrollmöglichkeiten sind biswielen denkbar schlecht.

Soweit gehen die Veranstalter nicht. Sie schließen stattdessen kategorisch aus. Das ist schade, denn es sorgt dafür, dass weiterhin Lager bestehen bleiben. Mein eingangs skizzierter Werdegang hat dazu geführt, dass ich seit jeher in allen Lagern zu Hause bin, Grabenkämpfe in dieser Hinsicht also nicht ab kann. Weder ist ein Blogger weniger käuflich und glaubwürdiger als ein Journalist, noch ist ein Journalist der einzige, der einen guten Spieletest oder – besser – eine gute Spielebesprechung schreiben kann. Genau derartige Vorurteile bestärkt diese Entscheidung der Veranstalter jedoch: Blogger werden Journalisten den Pressezugang neiden und lästern, Journalisten freuen sich über ein leereres Business Center und vergessen dabei, dass sie längst schon nicht mehr im Elfenbeintürmchen sitzen, sondern ihre Auflagen seit Jahren unterm Arsch wegbrechen, während ein möglicher Lösungsansatz ihrer Probleme – nämlich in die Jahre gekommene Schreibe, wie Christian Schmidt das völlig richtig festgestellt hat – draußen vor der Tür bleiben muss: Blogger. Journalisten können von manchen davon lernen. Sicher nicht von allen, sicher nicht von jedem und sicher ist nicht jeder Blogger oder private Gamesseiten Betreibende automatisch ein großartige Impuls für den etablierten Journalismus. Mal die Kirche im Dorf gelassen, da draußen ist genug Mittelmaß, das sagen selbst Blogger. Aber: Wichtig ist, dass eben nicht nur Hobby-Schreiber von Journalisten lernen können. Sondern das auch anders herum geht.

Alles egal nun. Die Gamescom hat sich entschieden, vielleicht wird sie dafür geshitstormt, vielleicht geht ihr der Shitstorm am Arsch vorbei. Ich nehme nicht an, dass sich etwas ändern wird bis zur Veranstaltung der Messe im August. Die hiesige Medienlandschaft illustriert damit einmal mehr, warum man lange noch nicht da ist, wo das englischsprachige Ausland bereits seit Jahren erfolgreich neue Geschäftsmodelle ausprobiert. Auch auf Papier. Stattdessen bleiben alte Lager bestehen. Fehlt nur noch, dass demnächst wieder die Sau namens “Die Gratis-/Schnorrer-Kultur im Web zerstört die gedruckten Spielemagazine!” durchs Dorf getrieben wird. Man hätte mit Bedacht vorgehen und einen Schritt nach vorne machen können. So bewirken die Veranstalter das genaue Gegenteil. Jammerschade.

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