sichten, gewichten, bebildern, verrecken

von Volker Dohr

Kann man das so stehen lassen? Man könnte. Ein wenig was zu lachen bei diesem kalten Wetter. Nein, das ist zu gut. Das muss geteilt werden. Here we go:

Berauscht von den Möglichkeiten des weltweiten Webs vergaß man das Naheliegende, nämlich Geld zu verdienen.

So, hat man das wirklich? Wie kommt es dann, dass die Konkurrenten schon vor drei Jahren schwarze Zahlen geschrieben haben? Kann es sein, dass nur manche vergessen haben, ans Geld zu denken? Oder überhaupt nicht daran gedacht haben, ans Geld zu denken? Oder verdammt einfach: Überhaupt nicht gedacht haben, sondern nur gemacht?

Mit der ersten Krise gingen dann viele Internetfirmen pleite; Nachrichtenportale hielten sich nur, weil Verlage die Gewinne aus ihrem (Print-)Geschäft investierten.

Interessant. Nun möge mir bitte jemand erklären, was ein New-Economy-Startup mit dem Online-Angebot einer Zeitung / Zeitschrift gemein hat. Oder, von welchen “Gewinnen der Verlage” hier die Rede sein soll, wo Abozahlen (beispielsweise Spiele-Zeitschriften) schon seit Jahren extremst rückläufig sind und sich Verlage mehrheitlich mit neuen Angeboten (etwa DVD- oder Bücher-Serien) erst mal neue Gewinnbereiche schaffen mussten, um den Verlust vom Print zu kompensieren.

Denn Qualitätsjournalismus ist per se eben nicht kostenlos, sondern kostenintensiv. Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus. Jede Redaktion stellt etliche Arbeitskräfte für das Sichten, Gewichten, Bebildern und Schreiben von Nachrichten, für das Recherchieren von Geschichten, das Verfassen von Kommentaren, die investigative Reportage.

Ganz ruhig bleiben jetzt. Wirken lassen. Nicht gleich losprusten. Einfach mal die drei Top-platzierten Beiträge unter “Politik / Deutschland” anschauen, darunter ein DPA- oder AFP-Kürzel finden und dann nochmal vom Qualitätsjournalismus reden (nein nein, Copy / Paste gibt es hier ganz sicher nicht). Vom kostenintensiven Qualitätsjournalismus, dem Sichten und Bewerten und kopieren und einfügen von Pressemitteilungen. Der Recherche! Genau. Besser nicht dran denken, wie noch ein Absatz zuvor etwas von “Branchenkrise” zu lesen war – dieser Logik nach müsste das “Abendblatt” kurz vor dem absoluten Ruin stehen. Ist doch Krise und man hat doch so viel Geld für Recherche, Sichten, Bewerten etc pp gebraucht. Ach, eine Frage noch: Wenn das mit der Qualität, die kosten soll, denn stimmt: Wie kommt’s, dass ein Blatt wie die “NYT” schon 2007 ein Archiv mit dem Inhalt von 92 Jahren – dem kompletten Inhalt, wohlgemerkt – völlig kostenlos angeboten hat? Kann nur eins bedeuten: Die müssen Pleite sein. Oder 92 Jahre lang keinen Qualitätsjournalismus gemacht haben.

Trotz aller Twitterei und Bloggerei bedarf es einer Instanz, die prüfen und nachprüfen muss, die den Schein mit der Realität, die Plattitüde mit den Fakten, die Inszenierung mit der Wirklichkeit, das Schrille mit dem Relevanten abgleicht.

Genau. Nun haben wir es wieder. Die Blogger, diese Nixkönner. Kein Vergleich zum Journalisten! Der kann prüfen und nachprüfen, das bekommen diese Webfuzzis halt nicht hin. Komischerweise schaffen sie es dennoch zu einiger Popularität und graben dem seriösen “Abendblatt”-Mann damit das Wasser ab. Sind ja auch mitschuld am Untergang der Branche, am Verfall des Qualitätsjournalismus und überhaupt – wie blöd will man eigentlich kaschieren, dass man Blogs einfach nicht versteht, das Potential nicht erkannt hat und mit bloßem “die sind die Bösen!” keinen Blumentopf gewinnen wird? Scheinbar sehr blöd. Schon lustig, dass man mit dem “HSV-Blog” komischerweise ein offenbar ganz gut gehendes Angebot im Portfolio hat. Aber das wird sicher nicht von einem Journalisten betrieben.

Qualität hat ihren Preis; was nichts kostet, ist auch nichts wert.

Wollen wir das kommentieren? Müssen wir das noch kommentieren? Ich würde diesen Satz wirklich als Musterbeispiel für künftige Journalisten-Schulungen zum Thema “So geht’s im Web – nicht!” empfehlen. Das drückt diese Deutsche Stock-im-Arsch-Mentalität so wunderbar aus, das es nicht besser geht. Nee, das lassen wir jetzt mal so stehen.

Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet oder das Telefonvoting für sinnbefreite Casting-Shows mindestens 50 Cent, für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?

Ich würde zunächst raten, den Coffeeshop zu wechseln. Oder mal einen Gang ins Kaffeehaus zu wagen (hier findet sich ein wunderbarer Beitrag zu deren Geschichte, aber leider kostet der nix, also kann er nix wert sein, zu schade aber auch..). Telefonvoting? Da hat jemand aber ein komisches Bild von seiner Leserschaft. Gut, die Frage stellt sich nun freilich, ob Jogginhosentragende Castingshow-Votinganrufer bereit sind, 30 Cent zu löhnen für eine Zeitung im Netz. Das hätte man sich schon mal überlegen können. Oder neue Zielgruppen suchen. Aber gut, das wäre sicher zu viel verlangt, bei diesen Kaffeepreisen braucht das Recherchieren, Bewerten, etc pp sicher einiges an Zeit der hart arbeitenden Qualitätsjournalisten.

Aber was ist mit einem Bürgerbegehren in Alsterdorf, einem Umweltskandal in Billbrook oder einem umstrittenen Bauprojekt in Cranz? Welche Stimme im Netz ist in der Lage, objektiv Information zu sammeln, zu gewichten und bei Streitpunkten beide Seiten zu Wort kommen zu lassen? PR-Seiten, Blogs oder öffentliche Verlautbarungen können diesen Anspruch nicht erfüllen – und sollten es nicht.

Da haben wir es wieder. Die Blogger, diese Brut von Amateuren. Denen gehört mindestens das Maul verboten oder gleich auf selbiges gehauen. Schließlich – das wird weiter oben im Absatz erwähnt – hat man ja den Posten der vierten Gewalt besetzt. Da ist jetzt kein Platz mehr, hier sind schon wir, geh mal weg da, du schmieriger Blogger, du kannst das nicht, überlass das den Profis.

Zudem benötigen die Bürger verlässliche wie verletzliche Leitmedien, die das Geschehen bündeln und aus dem Meer von Informationen als Inseln der Relevanz herausragen.

Siehe “DPA- / AFP-Meldungen selektieren leicht gemacht. Ein Lehrgang für Praktikanten in drei Stunden”.

Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt.

Selbstkritik! Leider keine ernst gemeinte. Sonst könnte man vielleicht noch miteinander reden. So jedoch bleibt nur, viel Spaß beim Bewerten, Selektieren, Auswerten und so weiter zu wünschen, darin ist man ja Profi, die anderen nicht und drum koscht’s nun – ohne dran zu denken, dass das zahlungsunwillige Klickvieh in wenigen Wochen weitergezogen sein wird. Die nächste Qualitätsjournalisten-Wiese wartet schon auf’s abgegrast werden.

Ach übrigens: Das “Abendblatt” gibt’s auch weiterhin für lau. Qualität und so.