acht Jahre…

von Volker Dohr

fallout2

… müsste es her sein, dass ich zum ersten Mal “Fallout 2″ gespielt habe. Damals war unser zweiter Rechner noch nicht die lahme, veraltete Kiste, die er heute ist, seinerzeit liefen da noch Games drauf. Den ersten Teil habe ich nie gespielt, bis heute nicht. Aber viel darüber gelesen, zu Zeiten, als man noch freudig darauf gewartet hat, die neue “PC Games” vom Kiosk abzuholen. Oder die “64 Power”, die es heute schon lange nicht mehr gibt und die ein verdammt kewles Mag war. Als selbst die “Screenfun” noch einen gewissen Charme hatte und andere Alleinstellungsmerkmale als die härtesten Auflageneinbußen. Da war mal ein Test zum Sequel, seinerzeit schrieben die immer einen Schwierigkeitsgrad dazu. Der von “Fallout 2″ war “Profi”. Andere Magazine schrieben ähnliches. Und alle waren sich einig: Klasse Spiel.

Ich denke, es war so um 2000 herum, dass ich es dann zum ersten Mal gespielt habe. Damals hat man sich Spiele ja meistens mal von Freunden mitgenomen, einfach um sich das mal anzuschauen. Demnach war die erste “Fallout 2″-Runde auch jene mit der deutschen, gekürzten Version. Keine ultrabrutalen Sterbeszenen, zwar den Regler für den Gewaltgrad, aber den nicht mit der Auswahlmöglichkeit “Maximum”, wie es in der US-Version der Fall ist. Und keine Kinder, was noch der größte Blödsinn ist. Ich glaube, man konnte das seinerzeit sogar patchen. Heute würde es wahrscheinlich eine USK ab 16 bekommen, inklusive Sterbeszenen, aber darüber wollen wir uns mal nicht aufregen, schließlich definiert sich das Game über so vieles mehr als nur den doch recht hohen Gewaltgrad der Original-Version. Beispielsweise all die Anspielungen aus der Popkultur, all die Querverweise, Zitate und so weiter. Wenn man heute Lobeshymnen auf “GTA 4″ als “Autorenspiel” schreibt, sollte man nicht vergessen, dass es schon Jahre davor Games mit extrem dichter Story gab, in denen mehr zu tun war als nur Hauptmissionen abarbeiten. “Fallout 2″ beispielsweise. Das beim ersten Mal spielen einfach zu groß war, zu verwirrend. Und darum wieder weggelegt wurde, ich glaube, ich war irgendwo zwischen Modoc und Vault City und mit der Situation überfordert. Wer kommt auch schon auf den Gedanken, dass es etwas bringt, auf einen Hund zu klicken, der aus einer Handvoll Pixeln besteht und eigentlich nur blöd durch die Gegend rennt und dabei nicht weiter auffällt? Eben. Profis. Bin ich immer noch keiner.

Später hab ich es noch einige Male versucht, mindestens zwei Mal. Das letzte Mal hatte ich mich in eine böse Sackgasse gespeichert, in der Navarro-Basis, auf der Suche nach einem Dokument namens “FOB”. Das hat schon arg aufgeregt, da klar war, dass das Game bald zu Ende sein müsste und dann sowas. Schön, wieder nichts.

Vor einigen Monaten hab ich es als Version für den Mac gefunden, läuft prima, bringt die Onboard-Grafikkarte aber bisweilen ganz gut ins Schwitzen. Egal, zudem ist es die US-Version, ich bin mittlerweile auch volljährig und darf mir das daher zumuten, mich muss man nicht mehr vor Gewaltdarstellungen schützen. Also wieder einmal angefangen, wieder der Tempel in Arroyo, die Skalvenhändler in Den, Redding, Modoc, Vault City, NCR, New Reno, Redding, Broken Hills, Vault 15, Vault 13, Navarro, Militärbasis, San Francisco, Enklave. Faszinierend zu sehen, wie das alles noch da war, all die Missionen und NPCs noch immer abrufbereit in irgendeiner Hirnwindung, selbst die alten Fehler nochmal gemacht. Was dazu geführt hat, dass es schon wieder nicht klappen wollte mit der Navarro-Basis. Mittlerweile kann ich immerhin einen Tipp geben – und Tipps gibt es in den zahllosen Walkthroughs ja Dutzende, meist allerdings wenig sinnvoll. Also: Niemals auf die “First Aid”-Fähigkeit Punkte verteilen, stattdessen immer nur auf “Speech”, labern können ist wichtiger als Wunden heilen. Hätte ich mal besser gemacht, dann wäre ich auch nicht schon wieder in einer Sackgasse gelandet und hätte “Fallout 2″ nach acht Jahren erneut ad acta gelegt.

Bis gestern Nachmittag. Angefangen mit Hochleveln, dann alles auf “Speech” gesetzt, siehe da: Navarro klappt. Dann in einer extrem langwierigen Aktion die Aliens aus dem Bauch der Tankers gefraggt, dabei teilweise kleinere Bugs im Game ausgenutzt, aber das war es dann doch wert. Es gibt wirklich wenige Videosequenzen im Spiel, seinerzeit haben die ja noch einiges an Platz auf einer CD-Rom gefressen. Eine kommt jedoch, wenn der Tanker ablegt und zur Enklave fährt. Spätestens da war dann klar, dass ich wirklich drauf und dran bin, es zu packen. Das war gegen halb zwei, gestern. Bis halb drei noch versucht, nicht gepackt, Bossgegner zu hart, aber das war ja zu erwarten.

Heute morgen beim dritten Anlauf gepackt, kaum Hitpoints übrig, keine Stimpacks mehr, beide Partymitglieder tot, Munition gegen 0. Acht Jahre gebraucht und nun durch.

Es gibt eine Menge durchschnittlicher Games, im Jahrestakt erscheinende Racer oder Shooter, viel Halbgares, das niemand braucht, viele Kopien von Kopien von Kopien. Gelegentlich kommt eines, das einen dazu bringt, die Uhrzeit zu vergessen und das, was am kommenden Tag an Aufgaben wartet. Eines, das Emotionen auslöst, etwa beim Ende, oder schon während der Story. Eines, das wirklich packt, das bindet. “Fallout 2″ hat sich das in diesen acht Jahren wirklich verdient. Dank solchen Spielen merkt man eben, weshalb man spielt: Man liebt den Scheiß einfach, da hat GEE schon Recht – vor allem, weil sich zeigt, dass es für einen guten Titel keiner Top-Grafik oder Highend-Applikationen bedarf. Ein mittlerweile zehn Jahre altes, grafisch absolut veraltetes Spiel reicht immer noch vollends aus, um Nächte durchzuspielen. Lobhudelei aus, ich dreh nun noch einige Runden mit dem aufgemotzen Highwayman – schließlich gibt es da noch eine Legende von einem Ufo, dass im Spiel versteckt sein soll. Inklusive Elvis-Bild darin.