(”Please Take Me Home”, Blink 182) Auf dem Regal stehen zwei kleine Flaschen guter Whisky. Davor lagen vor einer Stunde noch sechs Cigarillos. Mittlerweile sind es fünf. Das Essen, das wir Sonntag früh gegen halb zwei zubereitet haben, ist nun auch aus dem Kühlschrank verschwunden und hat für einen nahrhaften Abend gesorgt. Die angebrochenen Coke- und Mezzo-Flaschen liegen noch drin. Ebenso der 5er-Pack Snickers, der Samstagnachmittag im Rewe geholt wurde. Es scheint, als wäre ich gar nicht alleine hier. Aber genau das ist der Fall. Und ich bin immer noch kein Profi im Abschiednehmen geworden.
Freitag, irgendwann zwischen acht und neun abends: Wiedersehen, erst mal hi sagen und erkennen, dass es viel zu lange her ist, dass man sich das letzte Mal gesehen hat. Über ein Jahr, um genau zu sein. Verdammt, was in diesen 12 Monaten passiert ist, denke ich noch. Aber großartig tiefgehende Gedanken sind für die nächsten Tage nicht vorgesehen. Sondern das, was genau zwei Typen mit genau zwei Gamepads mit genau einem Game tun können: “Gears of War 2″ in einem Schwierigkeitsgrad packen, dessen Benennung mit “Insane” in etwa das trifft, was den Spieler erwartet. Erwartet werden wir derweil wo ganz anders. Dort steht nicht meine antiquierte Glotze, sondern ein 50-Zoll-HDTV mit ordentlich Sound drum. Darauf laufen sich die ersten Partien dennoch sehr ungewohnt an, nach drei Stunden lassen wir es bleiben, immerhin ist der erste von fünf Akten Geschichte. Scheiße ist das schwer. Aber das sind ja noch andere Games, die man einander unbedingt zeigen muss, wenn man sich so lange nicht gesehen hat. Also halt bis vier daran gearbeitet und entsetzt festgestellt, dass nun Score von “Guitar Hero 5″ auf dem ansonsten von Drecksgames lupenrein saubergehaltenen Gamertag ist.
Samstag, erst mal nichtstun. Bummeln in der Stadt, feststellen, dass hier auch nach längerer Abwesenheit alles wie früher ist. Kann man gut finden oder sich drüber ärgern, die B- beziehungsweise B Plus-Worscht taugt jedoch immer noch. Hier und da noch rumbummeln, Kleinigkeiten einkaufen (”Woher habt ihr denn all das Kleingeld?” - “Haben nen Penner ausgeraubt”), nach mehreren spontanten Begegnungen noch ein Kaffee dann zurück nach Hause. Sieben Uhr, noch keine Minute gespielt. Und ein verlockendes Angebot: Den Zweit-HDTV des Gastgebers vom Vorabend leihen. Heißt: Splitscreen-Coop, jeder mit eigener Glotze. Etwa eine Stunde und eine lustige ICQ-Begebenheit (”Sag dem Penner er soll aufmachen!”) später sieht meine Bude sowas von zugestellt aus, dass man hier Messys vermuten würde. Mit dem Splitscreen wird’s leider nix, aber an so einem 32-Zoll-HDTV spielt man ja doch auch ganz ordentlich. Von acht an bis halb sieben am nächsten Morgen. Unterbrochen durch gelegentliche Kippen, Bier nachladen und irgendwann dann das oben erwähnte Essen kochen. Gegen halb fünf fällt der (Quasi-)Endgegner. Alles davor war blanker Wahnsinn, gepaart mit sowas wie Können, Ehrgeiz, Euphorie-Überdosen und Größenwahn. Wir haben es gepackt, der Großteil des ganzen Games ist in einer Nacht durchgezogen worden - the old days lassen grüßen. Siegercigarillo vor der Tür, es ist bitterkalt geworden. Oder fühlt sich aufgrund aufkommender Übermüdung nur so an.
Sonntag, 14 Uhr. Aufstehen. Da sind noch drei Kapitel im letzten Akt, dann war es das. Alles ganz relaxed angehen, erst mal Tee kochen, ein Stück Kuchen dazu und dann zum Gamepad greifen. Das ist schon lustig, mittlerweile sind die Bewegungsabläufe und Taktiken so verinnerlicht, dass man gar nicht mehr anders kann als blind zu reagieren. Und das mit einer mechanischen Präzision. Deckung, anlegen, umlegen, Deckung. Gegen 15 Uhr blinken zwei 150GS-Achievements auf dem Screen auf. Scheisse nochmal. Das war es. Nochmal geschafft, obwohl es alles andere als gut begonnen hatte und jeder damit einverstanden gewesen wäre, wenn wir es danach nicht weiter probiert hätten. Völlig egal. Das ist so ein Antrieb, der sich irgendwann verselbständigt, da gibt es groß nichts zu sagen, hingehen und tun, weiter ist da keine Wahl. Schwer zu erklären, vermutlich weil das in Sachen Games längst nicht jeder kennt oder hat oder haben muss.
Wir gehen noch einen Schritt weiter und machen uns direkt an die nächste Aufgabe - 50 Wellen “Horde” überleben, ebenso schwer-wahnsinnig-bescheuert. Egal. Gegen elf Abends ist auch das gepackt. Davor Asianfood geordert und überfressen. Bier en masse. Zigarettengespräche über Job, Zukunft, das Leben hier und da, Frauen, eben was man sich erzählt, wenn man gut befreundet ist und sich lange nicht gesehen hat. Die eigentlich wichtigen Sachen zwischen all den virtuellen Alien-Leichenbergen.
Die Sachen, weshalb es nach einem Fotoshooting heute morgen, das in den kommenden Tagen noch Erwähnung finden wird, auch alles andere als einfach war, einfach so “bye” zu sagen. Darum haben wir wohl nicht bye gesagt, sondern eher “bis demnächst”. Denn das ist das wichtige an der Sache: Die Aussicht auf ein Demnächst. Und das Wissen, dass niemand weg ist. Der Part muss noch gelernt werden: Dankbarkeit über das Gewesene - in diesem Fall ein verdammt gutes Wochenende mit viel zu wenig Schlaf - muss überwiegen, immer. Da ist Raum für Traurigkeit und Verlustgefühl, aber es bringt einen Scheiss, sich daran festzuhalten, vor allem bringt es keinen Zentimeter weiter. Stattdessen gilt es für sovieles dankbar zu sein. Die Snickers im Kühlschrank. Der Whisky, der hier mittlerweile neben mir im Glas darauf wartet, bei einer Zigarette getrunken zu werden. All die Lacher zusammen, die lustigen, grotesken, bierseeligen oder sonstwie erinnerungswürdigen Momente. Die, und die Gewissheit, dass niemand jemals wirklich weg ist, bleiben. Flieger fliegen ab, Autos fahren weg, Züge verlassen Bahnhöfe und Menschen verschwinden als Punkte am Horizont, werden zu Stimmen im Telefon oder Sätzen in Chats. Oder Texten wie diesem hier. Ein Paar Sätze, die längst nicht alles enthalten, das passiert ist, längst nicht alle Zwischentöne, Farben oder Kleinigkeiten, die solche Dinge so groß machen. Es hilft nichts, daran festzuhalten, dieser Text hier hilft nicht mehr, als das er in einigen Jahren erneut gelesen wird und andere Menschen oder mich lächelnd an eine lange vergangene Zeit denken lässt. Die Dankbarkeit, die man in diesen Sekunden empfinden wird, ist es, die Wochenenden wie das vergangene nicht vergessen machen. Und dafür sorgen, dass es weitere geben wird. Schließlich ist da noch “Gears of War 1″. Das hier ist nicht zu Ende - das hier geht grade erst los.






Was soll man da noch groß sagen? Dankbarkeit… das Wort allein lass ich jetzt mal stehen. Darauf einen Whisky! :-) Cheers!