“Ich spiele nicht. Ich bin das. Verstehen Sie? Und deswegen bin ich nichts.” (Kinski)
Disclaimer: Man kann den folgenden Beitrag auf ein Medikament namens Paracodin schieben. Das hilft gegen Reizhusten und bringt den Umstand mit sich, dass man keinen Alkohol trinken soll / darf. Außerdem ist die Menge der gerauchten Zigaretten signifikant reduziert worden. Der Zyniker merkt an, dass es demnach ja wohl ganz offensichtlich keinen Spaß mehr im Leben gibt. Der Realist hält dagegen, dass es auch ohne Paracodin genügend Gründe für diesen Beitrag gäbe. Kein Grund mehr, die Deckung oben zu halten und verzweifelt weiterzuboxen, irgendwann bringen Durchhalteparolen nun mal nichts mehr und es ist an der Zeit, ein Paar Sachen rauszulassen. Dafür hat man als Ventil ja sein kleines Eckchen im Web. Andere regeln’s anders, landen im Krankenhaus oder auf der Bullenwache. Muss jeder wissen. Ich bevorzuge gerade mein Zimmer und Strokes.
Die Scherereien beginnen mit dem, was täglich wartet: der Alltag. Diese ewigen Regeln, Rituale und all das. Zu wenig Schlaf, zu überfüllte Busse, zu schlecht gelaunte Menschen. Ach ja, die Menschen hier. Die sind noch das Allerschlimmste. Akustisch sind sie ja glücklicherweise ausgeblendet, der iPod macht sich ganz ordentlich als Überlebenshilfe, um Gespräche auszublenden über Mandy/Madeleine/Melody, die 13-Jährige Schlampe wo nicht hat geben wollen Arsch und darauf gekriegt hat Faust, ey Alda krass wa? Nee, halt nicht. Arm. Überhaupt die ganze Stadt, scheint es. Nicht mal nur bezüglich ihrer Gespräche. Bleibt ja noch die Optik. Es soll nicht arrogant klingen und ich will mich da auch gar nicht über jemanden erheben, aber diese Menschen hier haben einfach keinen Stil. Ihre Kleidung, ihre Gesten, ihre Taschen, ihre Sonnenbrillen, scheissegal. Am Schlimmsten sind noch die, die irgendwie individuell daherkommen wollen. Edel-Sneaker in Chucks-Optik, Tom Ford-Brillen, T-Shirts mit V-Ausschnitt bis zu den Hoden. Was für Loser. Allein der Gedanke, über Optik Individualität auszustrahlen, löst derzeit Kotzreflexe aus. Aber man schaut ja dennoch hin. Oft einfach nur, weil man nicht glauben kann, was man da grade armseliges vor der Fresse hat. Hier hilft die Sonnenbrille immerhin noch, das Teil gibt mir ein gewisses Schutz-Gefühl, man kann nicht sehen, was ich sehe, wohin ich sehe und ob ich überhaupt hinsehe. So zumindest der Gedanke. In der täglichen Praxis bewährt es sich dennoch, einfach aus dem Fenster zu schauen. Ist mir egal, worüber sie reden, ist mir egal, wie sie aussehen. Sie sind gar nicht da. Ich bin alleine, selbst in einem überfüllten, 30 Grad heißen Bus, dessen olfaktorische Vielfalt von Nivea-Deo bis 25-Tage-Schweiß mit leichten Kotze- und Kot-Anleihen reicht. Völlig egal. Ich bin alleine, meine Welt, mein Leben, meine Gedanken, die meist irgendwohin schweifen, weit ab von all dem, was mich umgibt. Anders funktioniert das hier nicht, alles andere ist nur schlecht für das Seelenheil.
Die etwas kleinere, blonde Kassiererin im “Starbucks” hat mich gestern morgen mit den Worten “Schwarzer Kaffee?” begrüßt. Ich meinte nur, dass das ja irgendwann mal passieren müsste. Sie hat gelacht. Ich habe gelacht. Schwarzer Kaffee, 1,90 Euro, wie meistens mit einem 2-Euro-Stück bezahlt und das Restgeld in die Trinkgeldkasse geworfen. Einen schönen Tag gewünscht, gegangen. Weitere Anstrenungen nicht nötig. Ich will nicht wissen, wie sie heißt, ob sie Jura studiert oder eigentlich Sozialarbeiterin ist, ob sie Oasis lieber mag oder Blur, ob der Vibrator in ihrem Nachtschrank 15 oder 45 cm lang ist, was sie von Kaurismäki-Filmen hält und ob wie schon mal am Meer war. Keine Energie verwenden, nicht auf Menschen. Es gibt nichts zu holen. Je mehr man sich darauf einlässt, desto mehr geht verloren. Keine Gewinner. Nur eine Lösung: der eigene Weg. Konsequent gehen, nicht umdrehen, nicht seitwärts schauen, nicht vergessen, wo man ist, woher man kommt, wohin man will. Klingt egoistisch, selbstsüchtig, selbstverliebt? Fuck you. Wer will, kann gerne losziehen und Liebe suchen oder Anerkennung, Ruhm oder einfach nur ein freundliches Gesicht. So lange in Kauf genommen wird, dass all das endlich ist, dass man wieder und wieder erfährt, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann und daher fragen muss, ob es eigentlich möglich ist, einen Menschen überhaupt zu kennen, kann man all das tun. Und mit den Konsequenzen dann bitte ohne dieses ekelhafte Rumgeheule leben. Was interessiert es mich? Werd verdammt nochmal erwachsen und sieh die Dinge, wie sie nun mal sind.
Allein sein. Das ist gerade das Beste. Meine vier Wände, meine Musik, derzeit ohne mein Bier und ohne meine Zigaretten, aber mit meinen Gedanken. Draußen Dunkelheit, hier und da ein Paar Sterne. Nicht mal das bekommt diese Stadt hin: einen richtigen Sternenhimmel. Kein Vergleich mit dem, den ich noch vor zehn Tagen bei meinen Eltern gesehen habe. Aber da ist die Luft halt auch nicht so versmoggt. Hier dagegen wird gearbeitet, hier machen sich Menschen in Fabriken, Büros und anderen Schadstoff-ausstoßenden Produktionsstätten kaputt, um Geld zu verdienen, mit dem sie dann Dinge kaufen, die sie gar nicht wollen, weil… ach, die alte Leier.
Anyway. Allein sein tut gut. Sehr gut sogar. So gut, dass ich mich daran gewöhnen könnte. Ich hatte letztes Jahr nach dem Studium überlegt, ob ich nochmal eine WG will oder es doch alleine versuchen. Die Entscheidung fiel zu Gunsten der WG und die Entscheidung war absolut richtig. Nun jedoch wächst der Bedarf nach vollkommener Einsamkeit. Tür zu und niemand da. Niemals. Nichts gegen Gesellschaft, überhaupt nicht. Ich liebe meine Freunde und habe - obschon die Zeilen oberhalb vielleicht gegenteiliges vermuten lassen - gerne gewisse Menschen um mich. Wir haben Spaß, die Gespräche sind gut, die Bierflaschen zu schnell leer und eine Schachtel Lucky Strike in weniger als vier Stunden leer. Es ist warm draußen und wir gehen erst, wenn sich im Osten schon die ersten Sonnenstrahlen abzeichnen. All das mag ich.
Ebenso das Alleinsein. Die Ruhe. Das Beruhigende. Keine Hektik. Keine Erwartungen, die zu erfüllen man ohnehin nicht in der Lage ist, weil man gar keine Lust darauf hat, den Erwartungen von solchen Menschen zu entsprechen, ihre Art zu leben zu akzeptieren oder einfach mit irgendetwas, das sie einem vorsetzen, einverstanden zu sein. Der letzte Funken Punkrock, vermutlich der, der immer bestehen bleiben wird. Und damit auch das Feuer. Nur, dass jenes nun alleine brennen will.
Und keine Kippen mehr anzündet. Erst mal. Das ist ja noch so ein Punkt, der ankotzt. Man weiß es eigentlich besser und ändert nichts. Scheisse, Menschen sind so verdammt schwach, solche Verlierer, so klein. Jeder hat genug Hirn, um zu erkennen, dass Rauchen tötet, dass Krebs kein Spaß ist, dass man Geld zum Fenster rausschmeißt und dass es nichts, gar nichts bringt, zu rauchen. Raucher sind schwach. Und eine derartige Schwäche ist wahrlich nichts, worauf man stolz sein sollte. Warum also dieses Gelaber drumherum, wie schwer es wäre, es zu stecken, wie süchtig man doch sei. Oder wie gerne man doch rauche. Das sind mit Abstand die größten Verlierer, diese armen Trottel, die beteuern, dass sie das ja gerne tun. Mal sehen, ob sie das noch sagen, nachdem man ihnen auf der Onkologie nahegelegt hat, nochmal alle Freunde und Verwandten zu sehen, weil’s in vier Wochen vorbei ist. Es gibt nichts zu beschönigen, es ist scheisse. Aber es gibt einen Punkt, der genauso relevant ist: Wer sein Maul aufreißt, sollte sicher sein, dass es vor der eigenen Türe sauber ist. Blitzblank sogar. Aber nein, scheisse, was finden wir den vor den meisten Türen? Leergut. Stapelweise leere Bierflaschen. Hihihi. Wie arm, nicht? Aber hey, das ist ja nur Bier! Bier trinkt jeder! Wir sind in Deutschland! Bier ist Kultur! Bier ist gesund! Ach ja, kennen wir das Schema nicht schon von den Rauchern? Muss man hier auch erst ne Alkoholikerleber auf den Tischlegen und sagen “ey Spritti, komm ma rüber und riech hier dran!”, damit es verstanden wird? Alkohol ist genauso schwach. Drogen ebenso. Schwach, alles einfach nur verdammt schwach. Wo ist die Stärke? Wo ist der Wille, der stärker ist als die Gewohnheit, die Sucht, ein Wille, der eben gekaufte Kippenschachteln einfach in der Hand zerdrückt und volle Bierflaschen ins Waschbecken kippt? Ach, vergessen wir es einfach.
Wille. Vielleicht wäre es das. Stärke. Stark genug, um alles hier umzuschmeißen. Laut “leck mich” zu sagen, es zu meinen und den Arsch nicht nur hoch, sondern auch aus der Tür, aus dem Bus, aus dem ganzen runtergekommenen Leben mit den ganzen traurigen Gestalten hier zu bekommen. Mehr Rollins lesen. Aufräumen, nicht mit dem Umfeld, sondern mit dem eigenen ich. Klar Schiff machen auf die grobe Tour. Es git nur zwei Möglichkeiten: Do it or don’t, so verdammt einfach ist das. Leb dein Leben im Alltag, reg dich Tag für Tag über den gleichen Scheiss auf, folge täglich den gleichen Ritualen, kauf deine wunderbar alternativ daherkommende Optik von Sonnenbrille bis Sneaker, trink dein tägliches Bier und rauch deine täglichen 20 Kippen, halt einfach das Maul und schau, dass du schnell genug unter die Erde kommst bevor dir selbst auffällst, wie verdammt arm und schwach deine Existenz ist. Immerhin wird das dank ungesundem Lebensstil sogar mit erhöhter Wahrscheinlichkeit passieren. Gut so.
Oder beschaff dir ein wenig Achtung vor dir selbst. Arbeite an dir. Mach Veränderung zu einem Freund, nicht einer Angst. Überhaupt: Fürchte gar nichts. Nur das Stehenbleiben, die Stagnation, das Ankommen, das Bleiben. Also halt dein Maul und geh deinen Weg, alleine, unterwegs mit der Person, auf die du dich eigentlich verlassen können solltest, schließlich ist sie nicht so schwach und erzählt dir, wie gerne sie raucht und wie gut ihr Bier schmeckt: du selbst. Werde zu sowas wie einem Einzelkämpfer, nur ohne diesen eklig-triefenden Pathos, den Loser dem immer anhaften, wenn sie von etwas reden oder schreiben, dass sie nie erreichen können. Tu es einfach, keine großen Reden, kein Gelaber.
Do it or don’t. Irgendwie kann ich mit den ersten beiden Worten gerade verdammt viel anfangen.