“Die Spielebranche ist eine grausame und hirnlose Geldkloake, ein langer Korridor aus Plastik, in dem Diebe und Zuhälter tun und lassen, was sie wollen, und gute Menschen vor die Hunde gehen. Im Übrigen hat sie auch eine negative Seite”
- frei nach Hunter S. Thompson
Dienstag morgen, Bahnhof Darmstadt.
Ich habe faulheitsbedingt gar nicht erst alles aus dem Koffer geholt, sondern die Sachen, die ich noch brauchen werde, gleich drin gelassen. Spart Zeit und so. Und Zeit kann man nutzen, um sich an einem ekligen Yormas-Kaffee und einer Butterbrezel gütlich zu tun, während es auf dem Bahnsteig ganz schön kalt ist. Mütze auf und noch einige Seiten lesen, dann kommt auch schon der Zug. Die Fahrt nach Mainz ist so ereignislos, wie eine Fahrt nach Mainz nur sein kann. Dort in den ICE und ab nach Köln. Bislang passiert absolut gar nichts, außer dass die ersten Spiele-”Journalisten” zusteigen. Sie sind maximal 18, ihr Equipment ist noch nicht mal Prosumer, sie haben niemals eine journalistische Ausbildung genossen. Ihnen gehört in dieser Branche scheinbar die Zukunft, denn nirgendwo sonst sind die “Schreiber” derart jung und unerfahren. Später mehr darüber, noch ist das ja auszuhalten.

Köln, auch nicht gerade wärmer hier. Der Taxifahrer sieht an der Ampel eine überdimensionale Werbung zu “Mafia 2″ und meint “Ah, Mafia. Ganze Welt is Mafia, nimmt jeder Geld vom anderen weg.” Ich lasse das unkommentiert und bin wenig später bei Microsoft, wo ich durch die Halle gedrückt werde, mir irgendwo eine Cola und ein Fresspaket abgreife und Menschen beim Kinect-spielen zusehe. Das sieht schon gut aus, besser jedenfalls als das, was man bislang von der Konkurrenz gesehen hat. Und ich kann’s mir immer noch nicht in meiner Bude vorstellen, vermutlich bin ich einfach so Controller-fixiert, dass dieser Part der Spielebranche immer nicht meiner sein wird. Gleiches gilt für “Halo: Reach”, das sieht aus wie eh und je. Dafür macht “Fable 3″ einen guten Eindruck und ich freue mich drauf. Das neue Xbox Live-Interface werde ich einige Tage später ohnehin nochmal ausführlich vorgeführt bekommen, insofern beschließe ich nach einer dreiviertel Stunde, gen Hotel aufzubrechen. Die Frau vor dem Gebäude meint noch, ich solle da bloß kein Taxi nehmen, das koste locker 35 Euro. Ich sage, dass das kein Problem ist, mein gut betuchter Arbeitgeber übernähme dies gerne. Wie sich herausstellt, scheint die Frau nicht allzu oft Taxi zu fahren (vermutlich einkommensbedingt…), denn die Fahrt kostet gerade mal 12 Euro, Trinkgeld inklusive. Drei Uhr, ich bin im Hotel. Noch etwas mehr als zwei Stunden, bis es weitergeht.
RTL schauen und drüber wundern, wie dumm die Menschheit doch ist. Auch wenn’s gefaked ist, man weiß ja doch, dass es so täglich stattfinden könnte in Deutschland, so auch täglich stattfindet und damit eben doch nicht so fernab der Realität ist. Zappen auf MTV, dort läuft Lady Gaga und ich finde das Video gar nicht mal übel, auch wenn es alles klaut, was Madonna in den 80ern gemacht hat. Aber gut, ich muss nur Zeit totschlagen und irgendwann ist das auch erledigt. Auf zur Sony-Pressekonferenz.
Die findet am anderen Ende der Stadt statt und dort ist - same procedure as last year - mal wieder eine fette Schlange. Also warten, hier und da “Hi” sagen zu Leuten die man kennt oder zu kennen glaubt oder irgendwo mal gesehen hat. Dann rein und Heineken. Sony-Pressekonferenz und drüber ablachen, dass der Teleprompter sichtbar oberhalb des Publikums hängt und man somit locker lesen kann, was gesagt wird, noch ehe es auf der Bühne gesagt wird. Zusammenfassend: Keine weltbewegenden Neuankündigungen abseits des Move-Bundles und dem Release-Termin von “GT 5″ (3. November), ansonsten wie immer klotzen statt kleckern, etwa in dem man den Mike Shinoda von Linkin Park auf die Bühne holt zum “Medal of Honor” spielen. Da wir die PK genau eine Minute vor deren Ende verlassen, sind wir am Buffet die Ersten. Das Abendessen besteht mehr oder weniger nur aus Fleisch, das extrem lecker schmeckt. Dazu noch mehr Heineken. Dass es langsam genug damit ist, merke ich beim Spielen eines Box-Games. Mit diesen Move-Teilen in den Händen und einer 3D-Brille auf der Nase kommt man sich schon latent dämlich vor, aber es macht Spaß. Und ist schweißtreibend. Genug für heute, Heimweg.
Wäre da nicht vor der Tür noch so viel Gelegenheit gewesen, sich festzusaufen. Gut, so wird ein viertelstündiges Gespräch draus und nun kenne ich Menschen, die Menschen kennen, die Scooter gemanagt haben, nun weiß ich, dass die Atzen gar nicht so atzig sind wie ihr Image, sondern stattdessen hart arbeitende Musiker, denen es vor allem um die Kohle geht (was ich nicht nur außerordentlich ehrlich, sondern geradezu ehrenhaft finde, besser in jedem Fall als die ganzen verlogenen Indie-Bands). Sowas passiert halt wirklich nur auf Sony-Feiern, soviel ist sicher. Goodie-Bag abgegriffen und dann aber wirklich heim. Absacker in der Lobby, gute Nacht.

Mittwochmorgen, Hotel.
Frühstück taugt. Bacon, Eier, Früchte, Brötchen, Joghurt, Kaffee, O-Saft, schließlich wird für weitere Mahlzeiten den Tag über nicht allzu viel Zeit bleiben. Richtung Messe, wo gegen neun schon die ersten Termine warten. Bei Sony, wo leider scheinbar einige Menschen zu viel hin wollen. Gut, da ich ohnehin vom Vorabend weiß, worum es sich bei dem “geheimen tba-Titel” handelt (neues “Ratchet & Clank”), kann ich das stecken. Und mich samt Kollegen in die Halle 8 bewegen, wo Astragon die erste PK der Firmengeschichte gibt (sämtliche eher lächerlich wirkenden Dialoge der Marke “Chef: “Und was hältst du so davon?” - Produktmanager “Ja, ich finde das ganz toll!”" inklusive) und dort natürlich auch den neuen “Landwirtschafts-Simulator” vorstellt. Muss mich das interessieren? Ja, muss es, denn das Teil hat sich in Deutschland mehr als eine halbe Million Mal verkauft, verstehe das wer will - aber genau damit wird es zu einer Nachricht, genau das gibt ihm einen Wert und drum muss man halt auch mal anschauen, was man sonst nichtmal mit der Kneifzange anfasst.
Und dann zu Jowood, das neue “Gothic” gucken. Sieht ok aus, ist soweit aber auch nicht grade die Neuerfindung des Rades. Man mag hoffen, dass sie es ohne Bugs rausbringen und damit endlich diese Scheisse loswerden, die der Serie nun schon viel zu lange anhaftet. Dann zu Warner, “F.E.A.R. 3″. Und die Frage aus dem Publikum, ob man das so wirklich in Deutschland veröffentlichen wolle. Will man. Sauber, das gibt eine tiefrote 18, ist für meinen Geschmack aber zuviel Action statt Horror. Der Koop-Part wirkt interessant, aber ansonsten im Westen nicht derart viel Neues.
Halbe Stunde Pause. So oder so ähnlich, denn der Fussmarsch ins nahegelegene Radisson steht an, wo Sony mit “Infamous 2″ wartet. Das macht einen deutlich niceren Eindruck als das, was die Stunden davor so zu sehen war und ich frage mich mal wieder, warum ich keine PS3 habe. Sollte das vermutlich ändern oder drüber nachdenken, das zu ändern. Dann nochmal zu Warner und “Lego Universe” anschauen, das wirklich Eindruck macht. Eigene Kreationen basteln, dazu eigene Figuren bauen und diese auch noch animieren - definitiv kein Kinderspiel. Sondern genau das, was wir früher auch ohne Bildschirm hinbekommen haben und daher sei die Frage gestattet, warum ich das Game brauche, wenn ich auch einfach die Kiste mit den Bausteinen irgendwo auf dem Dachboden finde. Aber gut, Online-Rollenspiele sind Trend und während sie bislang im großen und ganzen alle an “WoW” gescheitert sind, hat das hier halt wirklich Potenzial. Lego sei Dank.
EA geht mir definitiv auf den Sack. Nicht wegen der Games, sondern der Frau am Schalter. Das ist hier so ein Problem, das den ganzen Tag schon fett nervt: Da liegt eigentlich nur eine Liste, auf der muss sie nur den Namen raussuchen, die Zeit und die Games und fertig. Irgendwie scheint man dazu aber nicht so recht in der Lage, und das bei anderen Publishern genauso. Woran liegt’s? Vermutlich der Optik und der Garderobe der Einlass Begehrenden. Denn kämen wir im Anzug an, wäre sicher alles lässig, das hier ist schließlich das Business-Center und sie sind alle da: die “ich bin wichtig, ich darf mich hier vordrängeln”-Spackos, die iPhone-Spazierenträger (wer richtig was zeigen will, hat übrigens ein iPad, alles andere ist mittlerweile so Mainstream wie Mando Diao), die Blackberry-Fraktion, die Business-Kasper, die vom Spielemarkt soviel Ahnung haben wie ich von Quantenmechanik, aber dennoch einen auf dickste Hose machen. Hach, hab ich das vermisst. Not.
Gut, an der EA-Frau vorbei ist dann doch nicht so heikel. Man bleibt ja freundlich, egal wie dummdreist man angemacht wird. Immer freundlich bleiben, das trifft sie am härtesten. Zieht immer, trifft immer, prima. Bei EA fix “Dead Space 2″ angeschaut und dann wieder raus.

Nintendo ist das genau Gegenteil: Freundliche Menschen überall, die Ahnung haben und genau das tun, was einen guten Termin ausmacht: Nicht zu viel labern, stattdessen selbst spielen lassen. Das tun wir dann auch 60 Minuten lang. Fazit: Der 3DS fasziniert und steht auf der Weihnachtsgeschenke-Wunschliste nun weit oben, die neuen Wii-Games machen teilweise verdammt viel Spaß, sind oft aber auch nur Abklatsch von Bekanntem. Egal, denn hier hat’s echt Spaß gemacht, vermutlich auch, weil der Gesprächspartner Ahnung von der Materie hatte und nicht gefragt hat, wann man denn mit Reviews rechnen könne, ob man vielleicht noch Lust auf ein Gewinnspiel hätte und ähnliche Hurerei-Angebote. Nichts davon hier, stattdessen nur Games. Und darum geht es, darum sollte es gehen und alles andere ist einfach scheisse nochmal nicht meins, das sollen andere mal machen, ich mag dann damit doch nix zu tun haben. Nicht meine Tasse Tee. Stattdessen besitze ich nun eine Nintendo-Tasche, die aus einem Nintendo-Werbeplakat gefertigt wurde und damit ein Unikat ist, was sogar noch in Form eines Zertifikats beiliegt. 400 Stück davon gibt es und damit wird das Ding einiges an Kohle bei eBay bringen. Verkaufen ist in meinem Fall leider ausgeschlossen, das Teil wird wie immer verschenkt an denjenigen, den ich für am geeignetesten erachte.
Gamescom Fachbesuchertag zu Ende.
Abends verliere ich bei einer Wette zehn Euro, denn die Kollegin schafft eben doch ein 280g Steak samt Kartoffeln, Vorspeise und Garnelenspiess, auch wenn ich ihr das nicht zugetraut hätte. Was mich die erwähnten zehn Euro kostet. Der Rest des Abends ist superwitzig, durchzogen von derbsten Sprüchen, einigen Bieren und einem Absacker, mit dem dann um halb eins aber auch wirklich gut is. Sollte man meinen. Ich dagegen wälze mich im Bett hin und her, Probleme mit dem Magen. Nein, nicht vom Alk, sondern irgendwelcher Säure, die sich merkbar den Weg nach oben bahnt. Es brennt wie Sau, Wasser trinken hilft nicht und so wird getan, was getan werden muss. Schön, dass ich so aufgrund reiner Willenskraft kotzen kann, das dann tue und schlussendlich gegen drei Uhr einschlafe. Vier Stunden Schlaf, here we go.

Donnerstag morgen, Hotel.
Heute kein oppulentes Frühstück. Und kein Kaffee. Der Magen ist noch nicht so ganz wieder da. Also Schwarztee und Früchte. Wird schon gehen. Der erste Termin ist um neun und wieder einer der guten Sorte. “F1 2010″ ist ein prima Rennspiel, steht sofort auf der “Kaufen”-Liste und “Nail’d” mag zwar böse an “Baja” und Konsorten erinnern, macht dank Numetal-Soundtrack und Krawall-Gameplay aber irgendwie doch Spaß. Der Tag fängt gut an. Selbst der Weg durch die Menge (es ist der erste Besuchertag) ist nicht so wild und so latsche ich schon wieder zum Radisson. Dieses Mal wartet “Little Big Planet 2″ und das fasziniert derart, dass ich extrem gut gelaunt zurück laufe. Und prompt Stress mit einem Security habe, der mich nicht durch den Seiteneingang reinlassen will, da ich keinen Ausstellerausweis habe. Stimmt nicht, ich habe einen entsprechenden Stempel. Das rafft der nicht und so kommt es zum längst überfällen Gefühlsausbruch dem vielfach einfach nur bescheuerten Personal gegenüber. Ich sage ihm einiges und ich glaube, er war als ich ihm den Rücken zudrehte und wegging sogar bereit, mich reinzulassen. Irgendwas in der Richtung brüllt er zumindest nach, als er noch nicht so recht glaubt, dass ich ihm grade den Mittelfinger entgegenstrecke und ihn stehen lasse. Verdammter Wichser, mehr gibt es da einfach nicht zu sagen.
Meine Wut hat glücklicherweise nur ne kurze Halbwertszeit und ich ohnehin nicht die Muße, mich dem lange zu widmen. Atari steht an, also “Majin” und “Inversion”. Hier ist das Personal äußerst freundlich, kompetent und die “Inversion”-Entwickler mal derbe Säue, was reden und präsentieren angeht. Das Game ist zwar der schlimmste “Gears of War”-Klon, den man sich vorstellen kann, aber es scheint Spaß zu machen. “Majin” ist leicht “Ico”-inspiriert, was ausdrücklich als Pluspunkt zu verstehen ist. Und ich habe danach sogar noch Zeit, bei THQ vorbeizuschauen, “Homefront” zu sehen und mit dem Kollegen, der mit mir unterwegs ist, zwei Wrestling-Games zu zocken. Plus das Wacom-ähnliche Zeichenbrett für die Wii. Das ist alles ganz lässig heute und der Magen ist mittlerweile auch wieder willens, Nahrung aufzunehmen.
14 Uhr, dtp. Wir reden schon über Games, aber nicht nur. Das macht den Termin eigentlich zum angenehmsten der Messe. Und wie das so ist mit genießen: Man schweigt drüber.
Es bleibt ein Gespräch mit dem Macher von “Plants Vs. Zombies”, das so extrem gut war, dass ich mich schon jetzt auf das noch anstehende Transkript freue. Es ging viel um Raubkopien, DRM, Unterschiede zwischen Casual und Hardcore, was Games ausmacht und und und. Und die Antworten waren einfach nur gut. Ein prima Abschluss des ersten Besuchertages. Bleibt die Branchenparty, aber da gibt es nicht viel zu erzählen außer dass sie war, dass das Essen gut war, das Kölsch auch und die Taxifahrt zurück zum Hotel ziemlich lustig. Der Abend endet gar nicht mal so spät an der Bar und ich freue mich auf den darauf folgenden, denn dann geht es nach Hause.

Freitagmorgen, Hotel.
Das Frühstück ist wieder ähnlich oppulent wie Mittwoch, Nahrungsaufnahme funktioniert blendend. Drei Abende lang ordentlich getrunken, drei Morgen danach keinen Kater gehabt - yes we can. Und gepackt, wie immer mit der Feststellung, dass der Koffer deutlich schwerer ist als zum Anreisezeitpunkt. Mit Sack und Pack Richtung Messe um neun. Termin bei Astragon, der allerdings eher aus reden denn aus spielen besteht. Passt. Heute wirds überhaupt ruhiger werden. Microsoft stellt Kinect vor, wir finden das dazugehörige Partygame lustig und gleichzeitig ist es blöd, dass man “Gears of War” nicht zeigen will, mit einer Veröffentlichung hierzulande ist ja nicht zu rechnen und so. Schon klar. Nochmal Microsoft, dieses mal mit dem neuen Xbox Live-Interface, dass sich dank Bewegungssteuerung in etwa so bedienen lässt wie iPhone, iPod touch und iPad. Kennt man also. Bleibt “Halo: Reach” und ja, auch das hat man so oder so ähnlich schon mehrfach gesehen. Aber es ist “Halo”, es wird sich verkaufen, es ist unglaublich komplex, durchdacht bis ins letzte Spielelement und natürlich perfekt ausbalanciert. Zwar nicht mein Game, aber mehrere Millionen Menschen werden das in einigen Wochen anders sehen.
Was mein Game ist: “Fallout New Vegas”. Das spielt sich wie “Fallout 3″, packt genauso schnell und lässt noch schneller nicht los. Wäre ich nach der halben Stunde im dank Klimaanlage eklig kühlen Raum nicht aufgebrochen, hätte ich den Rest der Tages dort verbracht. Ging mir aber mit dem Vorgänger nicht anders. Einziger Unterschied: Dieses Mal wird gleich zur Importversion gegriffen, keine Lust auf Cuts ohne Ende. Kommt noch “Deus Ex” dazu, das nächste, große Messe-Highlight. Die Möglichkeiten, die das Spiel bietet, fesseln sofort. Entweder Stealth in die Polizeistation einbrechen oder den Weg brachial freiballern oder einfach reden und schauen, wie weit man damit kommt - das funktioniert, das sieht komplex aus, das verspricht einiges.
“L.A. Noire” von Rockstar ebenso. Aber das ist gar nicht vor Ort und wir nur beim Entwickler, weil man mal reden will. Das sind die schönen Momente dieser Messe, wo man einfach mal Zeit für ein Gespräch hat. Und es wird ein sehr gutes, etwa über das Image der Firma als enfant terrible, über Medien und deren Macher, die oftmals nicht die nötige Professionalität haben. Eben die Kids, die man hier überall sieht. Ich hatte das eingangs erwähnt und es fällt heftig auf. Viele von ihnen haben vermutlich noch nicht mal das Abi fertig. Aber schon eine Kamera, Diktiergerät, Foto und Notizbuch in der Hand. Einerseits finde ich das schön, es ist Grassroots, das ist wichtig, da steckt viel Liebe zum Sujet drin, echte Hingabe. Andererseits geht es um meinen Job. Den ich studiert habe, gelernt. Den ich mit Gedanken daran ausübe, welche Worte ich wähle, welchen Einstieg und welche Darstellungsform. Das ist der Unterschied. Und natürlich ist das nicht mehr derart gefragt, stattdessen sind schnelle Infos wichtiger, stattdessen will man Videos, Bilder, First-Hand-Stuff, all das. Wie wird es weitergehen? Die Spielebranche ist schon von der Thematik her am besten dazu geeignet, Citizen-Journalism und wie man all das nennen mag, stärker als andere Medienbranchen anzuziehen. Man stelle sich nur mal 17-Jährige in einer Wirtschaftsredaktion vor, das würde nicht gehen. Bei Games ist es anders. Und wird es andere Auswirkungen haben. Einerseits spannend, andererseits bedrohend und oftmals nur nervig.
Innerhalb der Branche nimmt man das ähnlich wahr. Gut, wir haben derweil ein tolles Gespräch, eben eines jener, dass Journalisten bekommen und die Kids nicht, denn denen gewährt man nicht grundlos keinen Zugang zu manchen Bereichen und Informationen. Dafür überlässt man ihnen andere Teilbereiche gerne und dankend. Ich denke, wir werden künftig prima miteinander können, sollten mit einem gegeneinander aber besser gar nicht erst anfangen - da können beide Seiten nur verlieren.

Ich derweil nenne nach dem Gespräch einiges zum Thema “Red Dead Redemption” mein Eigen. Da wäre ein Shirt, dass tatsächlich in Größe S vorhanden war (allein dafür gehört Rockstar geadelt), ein ziemlich gut aufgemachtes Poker-Deck zum Spiel, Würfel mit Rockstar-Logo in einem Leder-Etui, ein Notizbuch, der Soundtrack zum Spiel und noch ein Stück Seife (wer den Titel kennt, versteht die Anspielung). Was ich damit tun werde? Das Shirt trage ich gerade, sitzt gut. Der Rest wird neue Besitzer finden. Menschen glücklich machen ist immer noch das Beste, das man nach einer Spielemesse tun kann.
Und selbige ist fast vorbei. Es bleibt noch genau ein Spiel. Und das soll sich als absolutes Highlight entpuppen.
“Bioshock: Infinite” wird in einem Raum präsentiert, der übelst auf 20er-Style getrimmt ist. Tabakfarbene Chesterfield-Couches die so bequem sind, dass ich fast darin einschlafe, dazu gefakte Propaganda-Plakate der neuen Spielumgebung “Columbia”, eine Stadt in den Wolken, nicht wie in den beiden Vorgängern unter Wasser. Dazu dezente Sounds, die schwerst nach Schellack klingen. Wunderbar. Und das Spiel - einfach nur über jeden Zweifel erhaben. Ich will das Teil zocken, jetzt, hier, unbedingt, überhaupt, scheisse sieht das gut aus, scheisse sind die Kämpfe packend, damn kann man da abgehen und immer wieder diese unglaubliche Optik! Want! Aber gut, bis zum Release werden noch einige Monate vergehen.
Nicht mehr viel Zeit bleibt dagegen, bis mein Zug fährt. Also Sachen packen, Kollegen verabschieden und raus.
Die Rückfahrt ist nicht wirklich spektakulär. Es ist heiß draußen, ich führe das eine oder andere Telefonat und beschließe, nicht zu arbeiten. Es gäbe genug zu tun, ein halbes Dutzend Previews müssen getippt werden, mehrere hundert Megabyte an Daten verarbeitet, mehrere Dutzend Videos geladen, ein Interview abgetippt und bearbeitet werden und und und. Nichts dergleichen heute.
Im ICE ist es wunderbar kühl. Ich höre Musik, die neue “Against me!”, eine Joe Cocker Best-of und K.I.Z.
Dann bin ich in Mainz. Dort läuft mir mein Ex-Mitbewohner aus der ersten WG über den Weg. Wir fahren zusammen nach Darmstadt und reden ein wenig.
Wieder zu Hause. Höchste Zeit für geregeltes Nichtstun. Und die Gamescom 2010 abhaken. Das war es und es wird als “schön” in Erinnerung bleiben, einfach weil ich mich sehr oft sehr wohl gefühlt habe mit dem was ich tue, mit den Menschen, die mich umgeben und mit denen ich zu tun hatte und mit der Branche, in der ich tätig bin und der Art, wie sie sich entwickelt. Klar, es gab Schattenseiten, einige davon haben Eingang in diesen Beitrag gefunden, andere werden im Hinterkopf unter der Ablage “Arschloch” gespeichert (die noch nie die leerste war), wieder andere wandern direkt in “Red dich über solche Nichtskönner einfach nicht auf, Alter”. Aber die schlechten Erlebnisse wiegen die guten nicht auf. Nicht dieses Mal. Und das ist ein verdammt schönes Gefühl.
















