08:22 Uhr, irgendwo über Frankreich.
10F ist einer dieser Fensterplätze mit Notausstieg und damit haben wir nun so eine Fight Club Situation. Ich habe mir die Instruktionen genau angeschaut und fühle mich von den fünf einfachen Schritten, die im Notfall für das Fortbestehen zahlreicher Mitreisender dringlichst nötig sind, heillos überfordert. Aber gut, wir malen mal nicht den Teufel an die Wand, die statistische Wahrscheinlichkeit, im Flieger draufzugehen, ist bekanntermaßen nicht die allerhöchste. Und das ist der fünfte Flug nach London, der dritte allein in diesem Jahr. Ich sollte noch einige Minuten die Augen zumachen, aber fühle mich gerade nicht in der Lage dazu.

04:43 Uhr, Darmstadt. Ich wache zwei Minuten, bevor der Wecker geklingelt hätte, auf. Ich bin nie pünktlich, sondern stets viel zu zeitig dran. Heute ist da keine Ausnahme. Gähnen unter der Dusche, das Bad sollte mal wieder geputzt werden. Draußen kein Laut zu hören, die Stadt schläft noch. Da ich selbstverständlich auch deutlich zu früh an der Bushaltestelle bin, beschließe ich, einige Meter zu laufen. Also eine Bushaltestelle weiter. Immer noch mehr als genug Zeit, bis der Bus kommt. Also noch mal eine, denn da ist eine Bäckerei nebenan und ich spekuliere auf frühaufsteherfreundliche Öffnungszeiten. Nix da, aber gut, es ist schließlich noch nicht mal 05:15 Uhr.
Hauptbahnhof. Hier gibt’s Kaffee und der schmeckt wie erwartet grausam. Erfüllt seinen Zweck dennoch, außerdem sind es nur noch wenige Minuten, bis der Bus kommt. In selbigem höre ich “Straight Flush Ghetto”, das dritte Studioalbum der Bones und überlege, wann ich die das letzte Mal gehört habe. Oder überhaupt angefangen habe, die zu hören. Scheint ewig her. Im Osten Sonnenaufgang.
06:15 Uhr, Flughafen Frankfurt. Das ich lediglich 45 Minuten vor Boarding am Flughafen ankomme, ist für mich schon fast sowas wie Punkrock, schließlich rebelliere ich damit ja kräftig gegen dieses ekelhafte “immer viel zu früh da sein”-Ding. Konsequenz: Der Automat erkennt meine Ticketnummer nicht und verweigert den Check-in. Gut, ruhig bleiben, Typen fragen was tun, Typ sagt, zum Schalter gehen. Dort ist natürlich eine ganz ordentliche Schlange, aber keine Panik, es ist noch genug Zeit. Die Schalterfrau ist so freundlich, mich gleich noch für den Rückflug einzuzecken und fragt, wo ich sitzen möchte. Ich entgegne “Möglichst da, wo man nach der Landung schnell rauskommt”, sie rückt meine Wortwahl dahingehend zurecht, dass sie schlicht “Vorne, meinen Sie” entgegnet. Geld wechseln, zwei McCroissant (durchaus eklig, aber satt machend) und eine “Welt Kompakt” genommen. Wegen dem Format, das ist wirklich praktisch. Und so schwer wie die FR ist das Blatt weder dem Gewicht nach noch inhaltlich.
08:37 Uhr, Landeanflug durch Wolkendecke.
Immer noch “Sun Kil Moon” im Ohr, deren “April” ist definitiv ein höhrenswertes Album (und so gar nicht in Einklang zu bringen mit den Bones, soviel sei gewiss). Ich sitze hier immer noch alleine in dieser Reihe und frage mich, ob die hir alle absichtlich nicht sitzen wollten. Kann nicht sein, denn im Gang gegenüber ist auch eine Notausstiegsluke und da sitzen zwei Menschen. Unter mir taucht England langsam aus den Wolken auf. Immerhin war der Kaffee im Flieger besser als am Hauptbahnhof, dafür hat das Sandwhich oder wie die das Brötchen mit Zeug drauf nennen, das vorranig nach Luft featuring Geschmacksverstärker schmeckt, alles andere als getaugt. Zu dieser Geschichte mit dem Tomatensaft ringe ich mich freilich weiterhin nicht durch, das ist und bleibt in meinen Augen eine ausgemachte Ekligkeit.

09:48 Uhr, Heathrow Express
Schon vor der Passkontrolle von Cops aufgehalten worden, die wissen wollen, woher ich komme, wie lange ich bleibe und bla. Schön, seh ich halt verdächtig aus. Dann bei der Passkontrolle aufgehalten worden, weil die Maschine meinen Pass nicht lesen konnte. Glücklicherweise gibt’s die EU und ich habe meinen Perso ja auch noch dabei. Dazu kommt’s aber gar nicht, denn es lag mal wieder an der Maschine. Das Pack scheint sich heute gegen mich verschworen zu haben. An den Customs dann noch mehr Cops die böse gucken. Fürs rumstehen und böse gucken bezahlt werden, scheint ein Traumjob zu sein. Bahnticket gekauft, zum Bahnsteig gegangen, Weg blind gefunden. Nun im Zug und wie immer der Pflicht nachkommend, diesem Land seine maximale Degeneriertheit in jederlei Hinsicht dahingehend sichtbar zu machen, dass ich Scooter höre. Back in the UK, so. Sieht bewölkt aus hier, doch eine gute Entscheidung gewesen, auf Hemd zu setzen. In etwas mehr als einer Stunde geht der Spaß dann los. Sollte locker zu schaffen sein und ich erwische mich gerade dabei, mich einmal nicht selbst zu stressen oder von irgendwas anderem stressen zu lassen.
12:50 Uhr Event
Ich durfte dem Taxifahrer mal wieder drei Mal erklären, wo ich hin muss. Entweder mein Englisch ist nicht gut genug (kann nicht sein), oder ich bin des hiesigen Dialektes einfach nicht mächtig, beziehungsweise unwillens, da groß auf Pseudo zu machen und es mit dem Cockney dann mal zu versuchen. Aber gut, ich bin eh zu früh hier. “Hier” ist ziemlich downtown, eine ex-Kirche, deren Vorraum nun voller Bond-Devotionalien steht. Golden Gun, PPK Silenced, das Beisser-Gebiss, das Drehbuch zu “Goldeneye” und so weiter. Und kein Kaffee.
Warten. Smalltalk. Noch mehr warten, immer mehr Menschen kommen, dazu Kameras, Fotoapparate, noch mehr Kameras und jede Menge Smartphones. Hierzulande ist das iPhone definitiv so weit verbreitet, dass es vermutlich cool ist, wenn man keines hat. Immerhin gibt’s nun Kaffee, aber der schmeckt wirklich grausam. Also Juice, der auch nicht viel mehr hermacht. Dafür sind die Frühstücks-Häppchen ganz angenehm und ich stelle fest, dass ich auf Reisen eigentlich permanent am Fressen bin.
Pressekonferenz kurz nach elf. Joss Stone wird das Bondgirl im Spiel. Das Spiel wird “Blood Stone” heißen und sieht aus, wie eine Mischung aus Racer, 3rd-Person-Shooter und Zwischensequenz. Davon werden einige gezeigt, dazu Trailer und Spielszenen. Ich kann’s nicht ändern, aber das Game davor hat mich mehr interessiert: “Goldeneye”.
Vielleicht, weil es spielbar hier herumsteht. Und sich schnell vier Leute für ein Match finden. Und da ist es wieder, das alte Flair, während man durch das neu gestaltete “Archives”-Level hetzt und auf Kanonenfutter wartet. Es passt einfach alles und die Rezeptur ist denkbar einfach: Nimm vier Jungs, setze sie davor und sie erledigen den Rest. Sachen wie Herkunft, Musikgeschmack oder stilvolle Kleidung sind hier scheissegal - interessanter Ansatz eigentlich, wenn man das mal so bedenkt: Videospiele als integratives Element, quasi kulturübergreifend, da kulturignorierend. SO oder so ähnlich. Ich finde es jedenfalls nicest, auch wenn ich mittlerweile eher der Typ bin, der umgelegt wird. Gut, aus dem Training. Die alten N64-Tage lassen sich definitiv wieder beleben, wird wohl Zeit.
Mittlerweile ist es 14 Uhr. Es gab jede Menge Nahrung vom Grill, eiskalte Coke, das erste Interview ist geführt, zwei kommen noch. Draußen vor der Tür stehen zwei Aston Martin, DB5 und Vanquish. Ich gebe ersterem den Vorzug, obschon mein Blick am ersten, echten Helden des Tages und dessen Fixie hängenbleibt. Als hätte ich nicht genau sowas erwartet, schon klar. Wetter schlägt ein wenig um, hoffentlich bleibt’s bei Wind ohne Regen. Ich freue mich auf die Rückreise, später dann.
Später
Interview mit Joss Stone. Und dem Hund auf Joss Stones Schoß. Keine weiteren Kommentare.
Noch später
Interview mit dem Entwickler von “Blood Stone”, dem neuen Bond-Game.
Sehr viel später
Interview mit dem Entwickler von “Goldeneye” und großes Fanboi-raushängenlassen. Der Mann versteht es und versichert, dass die Kernelemente des heißgeliebten N64-Übergames enthalten sein werden, der Titel nur für Hardcoregamer geeignet ist und und und. Balsam für die Casualdreck-geplagte Seele.
Fast ganz spät
Reden mit dem Security-Mann. Regel Nummer eins bei Veranstaltungen jeder Art: Halte dir das Personal warm, das sind die Leute hinter den Tresen, vor und neben den Türen, an der Rezeption. Ehrliche Menschen, die eigentlich eher dein Fall sind als diese Anzugmenschen. Drum warmhalten. Davon mal abgesehen servieren sie dein Essen und bestimmen hier und da durchaus, wer was wann in welcher Menge bekommt. Und der Securitymann ist verdammt freundlich, verdammt schlau und mit ihm einige Worte wechseln in der lauen Vorabendsonne ist äußerst angenehm. Dazu italienisches Bier, weniger angenehm.
Die Rückfahrt zum Flughafen verläuft eher stressig. Weniger als 30 Minuten bis Boarding, als ich den Flughafen erreiche. Aber auch da kein Grund zu stressen, es reicht sogar noch für Shopping und ohnehin dauert hier alles länger, der Abflug verzögert sich und und und. Also alles Easy.
Grade extrem angenehme Turbulenzen. Das Pack zu meiner Rechten könnt’s gerne in nem Crash erwischen, selbstgefällige, kurzzschwänzige Managerhackfressen die nur auf Dänglisch über ihren COO, CEO, Projekte und Erfolge labern. Vor allem das Alphamännchen hat garantiert nicht nur nen erbärmlich Kurzen, sondern auch noch ein mieserabel hässliches Hemd das nicht zur Hose passt und nebenbei nen Sprachfehler. Den zu demontieren wäre so einfach und lustig, dass ich es beim Gedanken daran belassen möchte und heimlich in mich reingrinse.
Ausserdem ist der Akku bald leer. Und ich demnächst in Frankfurt. Langer Tag fast vorbei. Bettvorfreude. Alles, was vergessen wurde, dann ein andermal.