05
08 2010

give me one good reason

kette_brunox

Internet vs. Realität: Was auf Google Maps noch ganz lässig aussieht, ist im realweltlichen Frankfurt am Main alles andere als einfach zu finden. Und so stolpern wir durch die Straße im Bahnhofsviertel, durch Einkaufspassagen, wo afghanische und indische DVDs verramscht werden, nur um dann irgendwann wieder in die Richtung zu laufen, aus der wir gekommen sind. Da ist eine Klingel und auf der Klingel steht der Name des Geschäfts - und oh Wunder, nach zwei Mal klingeln öffnet sogar jemand. Der Rest ist im Dunkeln tappen, denn Licht gibt’s in diesem Flur scheinbar nicht. Dafür eine eklig steile Treppe in den Keller. Und da stehen sie, alle schön aufgereiht, knallbunt und garantiert nicht für den Straßenverkehr zugelassen.

Ich will eigentlich nur ein paar Pedal Straps. Die da. Doch die gibt’s nicht mehr, stattdessen ein spanisches Fabrikat, von dem der Verkäufer zwar sagt, dass es ganz schick wäre, allerdings mit 40 Euro sauteuer. Jaja, der Trend und jene, die sich von ihm ausnehmen lassen. Nee, dann nicht. Dafür fragen, was ein italienischer Stahlrahmen, Baujahr zwischen 1990 und 1995, denn so kostet. Hängen schließlich mehrere Dutzend an der Wand und einige davon sind noch verdammt gut in Schuss. Die seien grade arg gefragt, meint der Verkäufer. Kann ich mir schon denken, denke ich. So 500, je nach Zustand. Die gleiche Summe nochmal für Laufräder, Reifen, Lenker, Lenkradband, Bremsen, Bremsklötze, Sattel, Sattelstütze, Bremszüge, Kette und was man eben so braucht, wenn man sich so ein Rad selbst zusammenbasteln will. Hätte ich das vor, könne ich aber jederzeit vorbeikommen. Nun hab ich zwar keine Pedal Straps, dafür die Visitenkarte vom Besitzer. Die Idee, selbst eines zu bauen, hatte ich davor schon.

Wenig später direkt der nächste Laden voller Fixies. Ach ja, der Trend. “Wir sind halt nicht in Darmstadt, wo jemand mal eins aus dem Berlin-Urlaub mitgebracht hat”, meint die Begleiterin, als wir weiterziehen.

Stimmt. Und gebrauchte Rennradrahmen aus Italien dürften wohl bald zum beliebteren Diebesgut gehören. Der Bruch läuft dann so ab: “Scheiss auf Flatscreen-TV Alda, guckstu da hindn, da steht’n Colnago, gemuffter Stahl!” “Goil Alda, gib ma Inbus, damit ich die Reifen wegmachen kann, den Scheiss braucht doch keiner, sind eh nicht von Campagnolo!” Jugendliche werden Dachboden und Keller von Oma durchwühlen auf der Suche nach DEM Retro-Rahmen von Annodazumal, den dann mit einer pinken Kette versehen, weiße Reifen drum und ein Satz Billiglaufräder aus sonstwo. Auch noch gelernt gestern: Ungarische Fabrikate sind zwar von der Qualität her ganz ok, aber für den ungarischen Markt offensichtlich überdimensioniert. Und demnächst dann weg vom Markt. Dürfte dann ein Preistipp werden.

Dabei will ich das ja gar nicht. Mir würde so ein schlichter, etwa 54cm hoher Rahmen schon reichen. Sowas. Mit entsprechenden Ausfallenden, einer soliden Verarbeitung und einem annehmbaren Gewicht. Der Rest läuft dann ganz klassisch. Nix in pink oder neonfarben.

Die Begleiterin erklärt, dass man nach Besserverdienergegenden Ausschau halten soll, wo die Männer irgendwann Familienväter werden und dann ihre bislang gehegten, vermutlich als rebellisch empfundenen Hobbies an den Nagel hängen. Etwa Rennradfahren. Das kann der Papa dann nicht mehr tun, weil er den Bugaboo durch die Straßen schieben muss und die Gentrifizierungsgewinner-Blagen darin. Dann verkauft er das Rad weit unter Preis, hautpsache es ist aus dem Haus, schließlich braucht sowas nur unnötig Platz. Genau dann wird zugeschlagen. Ich brauch eh nur den Rahmen samt Gabel.

Bis dahin wird Bozar liebevoll gehegt und gepflegt, etwa indem die Kette zunächst mit Tuch, dann in aller Ruhe mit einer alten Zahnbürste gereinigt wird. Dann Brunox. 8,80 Euro kostet das verdammte Zeug heutzutage, allerdings ist der Geruch der gleiche geblieben wie vor mittlerweile zehn Jahren, als das regelmäßig auf die Kette und Parts des “Steppenwolf”-Hardtails gesprüht wurde. Gerade stinkt die ganze Bude danach, was ich äußerst angenehm finde. Sollte mit dem Gedanken spielen, einen Fahrradladen aufzumachen. Das hätte zumindest schon mal den Vorteil, dass die Neospiesser-Papis mit ihren Rädern direkt zu mir kommen und ich die Suche nach dem Stahlrahmen aus südeuropäischen Landen somit einstellen könnte.


02
08 2010

Bierdeckel-PR

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Sei nicht immer so ein vorurteilsbehafteter Nörgler, B. Denn: Die PR kann dir auch Gutes tun, etwa dich mich solchen Promo-Items versorgen! Auf denen kannst du dein kühles Bier abstellen, dass du dir grade genehmigst aus Gründen, die hier darzulegen glücklicherweise nicht nötig ist, denn das Leben ist eigentlich ganz prima. Und “Black Flag”-Anspielungen auf Bierdeckeln ein Grund, zu lächeln. Und das Album mal anzuhören, schließlich ist es ja schon seit einigen Tagen draußen und man könnte immer noch ein Review dazu tippen. Nach der neuen “Against me!” dann, die ist angenehm gut (allen voran “Suffocation”, “High Pressure” und “Rapid Decompression”. Fast schade, dass sie das Niveau nicht die komplette Platte über halten konnten). Und die spielen dann in einigen Tagen auch auf dem Festival, dessen Besuch langsam konkrete Formen annimmt. Kurz: Nur weil’s Montag ist, sollte man nicht gleich aufgeben. Gibt viel Besseres.


01
08 2010

been there, done that

Hat ja auch nur knapp ein Jahr gedauert, bis alle Strecken auf “Schwer” geschafft waren. Bleiben noch die auf “Extrem”. Und die Frage, wieso das eigentlich 12 Monate lang nie wieder gezockt wurde, ist es doch wirklich ein verdammt gutes Game, das dank diesem “erst fixen wir dich an, dann drehen wir den Schwierigkeitsgrad so verdammt hoch, dass du das Gamepad durch’s Fenster werfen willst, aber aufhören nicht infrage kommt”-Aufbau schon sehr süchtigmachend ist. Spätestens jetzt. Ist ja auch erst ein Jahr alt.


01
08 2010

take your shitty bands, saying they were great

(”Spirit of ‘81″, Slapshot) Ohne groß drüber zu labern: lesen. Das kann man auch schon sagen, ohne auf der letzten Seite angelangt zu sein. Ein wunderbarer, bitterböser Abgesang auf die Musikindistrie, die weiterhin bemüht ist, in der öffentlichen Wahrnehmung Rapidshare und Co. die Schuld für das eigene Versagen in die Schuhe zu schieben. Warum dem nicht so ist, sollte jeder selbständig denkende Mensch, dessen Hirnmasse die eines Brontosaurus übertrifft, schon lange genug wissen, um sich auf derartige Debatten gar nicht erst einzulassen. Wer die Gründe für den Untergang der Branche auf die unterhaltsame Tour präsentiert haben will (und in einigen Jahren dann, wenn andere Medien gefolgt sind, sagen will “Ha, wusste ich schon damals!”): “Kill your friends” lesen. Und schon alles gesagt.

Ach ja: Thx an Adrian :)


28
07 2010

was ich hass ist der Verkauf von falschen Images

(”Fenster zum Hof”, Stieber Twins) Eigentlich habe ich hier alles geschrieben, was mir zu “Limbo” eingefallen ist. Fast. Eine Sache ist da noch, die den Rahmen des Reviews zwar gesprengt hätte, aber trotzdem nicht ungeschrieben bleiben sollte.

Es ist zu erwarten, dass die Medien, die ansonsten nicht sehr viel mit dem Thema Videospiele zu tun haben, nun wieder kommen und “Limbo” abfeiern werden. Als Kunst. Als ganz große Kunst vielleicht sogar. Sie werden unglaublich viel reinstecken an Interpretationen, sie werden alle Naselang einen Querverweis, eine Anspielung oder auch eine Referenz auf dieses oder jenes finden. Das passiert von Zeit zu Zeit, wenn man aus einem Thema etwas herausdestillieren kann, das es für den Mainstream interessant macht. Oder anders gesagt: Für Mainstreammedien interessant macht. Denn die brauchen nun mal Themen, die geklickt werden, also muss ein Dreh her, da müssen Buzzwords rein und dann ganz laut brüllen: “Schaut alle her, wir haben hier voll das Thema!” Und den finden sie bei “Limbo” natürlich ganz schnell: Es ist minimalistisch, es ist düster, brutal, außergewöhnlich in vielerlei Hinsicht. Da kann man sich dann schnell was zusammenschreiben über dieses dänische Game, das in der Lage ist, die Grenzen von Kunst und Spiel zu verwischen und blablabla.

Da nun kommt der Part, der mich nervt. “Die Grenzen zwischen Kunst und Spiel verwischen” - genau diesen Dreh wird man nun schließlich wieder allernorts lesen (nicht anders war es bei “Beyond Good & Evil”, “Shadow of the Colossus”, “Braid” oder jüngst “Red Dead Redemption”). Ich frage mich dann wieder einmal: Welche Grenzen? Ich habe bislang keine gesehen. Ist nicht vielmehr jedes Spiel Kunst? Schließlich stecken jedes Mal eine Menge Menschen dahinter, die sich um die visuelle Inszenierung, den Sound, Gameplay, Feintuning und eine Story bemühen. Aber das reicht scheinbar nicht, um es mit dem Prädikat “Kunst” zu adeln. Warum eigentlich? Weil ein “Modern Warfare 2″ sich nur punktuell von “Modern Warfare 1″ unterscheidet, beide einem “Battlefield” nicht unähnlich sind und über allem sowas wie “Goldeneye” schwebt, das vor 13 Jahren schon nix anderes gemacht hat als Shooter heute? Vielleicht.

Vielleicht aber auch nur, weil man Games immer noch nicht versteht und stattdessen nur abfischt, was ganz weit oben treibt im Teich der Nachrichtenwerte dahindümpelt und sich leicht greifen lässt. Muss man sich nicht weiter mit dem Medium befassen und kann zum nächsten Artikel weiterziehen. Wäre ja auch zu schön, wenn man da nun noch tiefer graben müsste, etwa um herauszufinden, dass es außer “Limbo” auch andere Games gibt, deren Handlung packend ist, deren Rätsel komplex sind und deren Atmosphäre düster as fuck. Aber nein, das würde Zeit kosten. Und Arbeit. Kopieren und Einfügen sind dagegen so viel einfacher. Es gibt Tage, da kotzt mich einfach nur an, was aus dem Beruf, den ich einmal studiert habe, mittlerweile geworden ist.


25
07 2010

dick

Nochmal für einige Minuten wie Kinder fühlen, so ohne Verantwortung für die eigenen Taten, beispielsweise Obszönitäten auf Straßen zeichnen. Dann realisieren, dass das mit der Kindheit vorbei ist und eine Rückkehr auch durch Ansammeln aller Erinnerungen daraus nicht mehr möglich.

shit

Shit, ja. Ziemlich. Aber nur manchmal. Denn eigentlich hat sie ja auch schöne Seiten, die Liebe. Nur eben ein Restrisiko, das wir gerne verdrängen: Sie kann enden. Das wollen wir aber nicht einsehen, daran wollen wir nicht mal denken. Logisch, wie skurril muss eine Szene wirken, bei der er ihr sagt, dass sie doch bitte damit rechnen müsse, dass eines Tages Schluss sein könnte. Nein, wir denken besser nicht dran. Wir bleiben in Watte eingewickelt. Wir kaufen das ganze Paket, mit dem Risiko, aber das würden wir dann bitte gerne eingepackt lassen. Das ist nur logisch und menschlich - wir irren, wir verdrängen, wir verstauen gedanklich so vieles, dem wir uns nicht stellen wollen. Und dann irgendwann: Shit.

man-man

Ausweg? Nein, gibt keinen. Darauf einlassen. Wieder und wieder. Gar nicht erst versuchen, es zu kompensieren oder sich dem Irrglauben hingeben, es ginge auch ohne. Gar nicht erst irgendwelche Substitute akzeptieren, von Vollsuff bis Selbstwertgefühlrettung über Beliebigkeitsficken. Nicht kühl werden, nicht faken, was nicht zu faken ist: Es geht nicht ohne. Und eine Liebe ohne die Möglichkeit, ein Ende zu beinhalten, geht ebensowenig.

Das klingt so verdammt altklug und abeklärt gerade. Vermutlich wäre es das auch, hätte es meine eigene Beziehung betroffen. Hat es aber nicht. Stattdessen geht mir etwas gerade ein wenig zu nahe, als dass man es bloßes “Mitleid” nennen könnte. Immerhin: Ich kann’s noch empfinden. Und weiß nun auch noch, wie scheisse weh manches tun kann.

Eskapismus für heute Abend:

limbo

23
07 2010

good & gone

mit einem lachenden und zehn weinenden Augen… fare thee well!


19
07 2010

die Bäume werden doch auch von selber grün

(”Sag alles ab”, Tocotronic) Üblicherweise mache ich um das Fischwickelblatt für Halbgscheite und Gentrifizierungsgewinner ja ganz gerne einen Bogen, während ich - wie so viele Altersgenossen - natürlich täglich mehrfach und ziellos dessen Onlineableger ansurfe. Warum auch immer, anerlerntes Nutzerverhalten vermutlich. Diese Woche dagegen hat mich schon das Titelbild erwischt. Und die Story dahinter, auch wenn gerade einmal eineinhalb Seiten davon gelesen sind. Völlig egal, denn worauf es hinausläuft, kann man sich vorher denken: abschalten.

Richtige Einstellung. Heißt: Es gibt Arbeitszeiten und Zeiten, in denen nicht gearbeitet wird. Und eines darf nicht in das andere übergehen. Also nach Uhrzeit X keine e-Mails beantworten, rigoros und ohne Debatten darüber. Zeiten, in denen kein Anruf entgegengenommen wird, egal wer am anderen Ende der Leitung etwas will. Und vor dem Schlafengehen nicht mal “noch schnell online was checken, aber ich komm gleich ins Bett, Liebling!” als Ausrede für den Zwang, permanent Social Network, Kurznachrichtendienst und Blog mit neuen Inhalten zu versehen.

Ich habe demnächst zwei Wochen Urlaub, den ich nicht in Deutschland verbringen werde. Sobald ich gelandet bin, bleibt das Handy aus. Der Abwesenheits-Assistent des Mailprogramms wird nicht lauten “Ihre Mails werden in dieser Zeit nur sporadisch gelesen”, sondern “Ihre Mails werden in dieser Zeit weder gelesen noch weitergeleitet”. Immerhin: Auf das TV zu verzichten, fiel mir noch nie schwer. Und Leute mit einer unnatürlich hohen Anzahl an Tweets in Relation zur Dauer ihrer Twitter-Fanboischaft (sagen wir mal +5.000 in 12 Monaten), waren mir schon immer grundsuspekt. Ich hab also eigentlich das Zeug, ein richtig guter Offliner zu sein, wenn ich es sein will. Zeit, das auch mal konsequent durchzuziehen, mit dem rauchen aufhören war schließlich auch kein Problem.


17
07 2010

London V

08:22 Uhr, irgendwo über Frankreich.

10F ist einer dieser Fensterplätze mit Notausstieg und damit haben wir nun so eine Fight Club Situation. Ich habe mir die Instruktionen genau angeschaut und fühle mich von den fünf einfachen Schritten, die im Notfall für das Fortbestehen zahlreicher Mitreisender dringlichst nötig sind, heillos überfordert. Aber gut, wir malen mal nicht den Teufel an die Wand, die statistische Wahrscheinlichkeit, im Flieger draufzugehen, ist bekanntermaßen nicht die allerhöchste. Und das ist der fünfte Flug nach London, der dritte allein in diesem Jahr. Ich sollte noch einige Minuten die Augen zumachen, aber fühle mich gerade nicht in der Lage dazu.

flughafen

04:43 Uhr, Darmstadt. Ich wache zwei Minuten, bevor der Wecker geklingelt hätte, auf. Ich bin nie pünktlich, sondern stets viel zu zeitig dran. Heute ist da keine Ausnahme. Gähnen unter der Dusche, das Bad sollte mal wieder geputzt werden. Draußen kein Laut zu hören, die Stadt schläft noch. Da ich selbstverständlich auch deutlich zu früh an der Bushaltestelle bin, beschließe ich, einige Meter zu laufen. Also eine Bushaltestelle weiter. Immer noch mehr als genug Zeit, bis der Bus kommt. Also noch mal eine, denn da ist eine Bäckerei nebenan und ich spekuliere auf frühaufsteherfreundliche Öffnungszeiten. Nix da, aber gut, es ist schließlich noch nicht mal 05:15 Uhr.

Hauptbahnhof. Hier gibt’s Kaffee und der schmeckt wie erwartet grausam. Erfüllt seinen Zweck dennoch, außerdem sind es nur noch wenige Minuten, bis der Bus kommt. In selbigem höre ich “Straight Flush Ghetto”, das dritte Studioalbum der Bones und überlege, wann ich die das letzte Mal gehört habe. Oder überhaupt angefangen habe, die zu hören. Scheint ewig her. Im Osten Sonnenaufgang.

06:15 Uhr, Flughafen Frankfurt. Das ich lediglich 45 Minuten vor Boarding am Flughafen ankomme, ist für mich schon fast sowas wie Punkrock, schließlich rebelliere ich damit ja kräftig gegen dieses ekelhafte “immer viel zu früh da sein”-Ding. Konsequenz: Der Automat erkennt meine Ticketnummer nicht und verweigert den Check-in. Gut, ruhig bleiben, Typen fragen was tun, Typ sagt, zum Schalter gehen. Dort ist natürlich eine ganz ordentliche Schlange, aber keine Panik, es ist noch genug Zeit. Die Schalterfrau ist so freundlich, mich gleich noch für den Rückflug einzuzecken und fragt, wo ich sitzen möchte. Ich entgegne “Möglichst da, wo man nach der Landung schnell rauskommt”, sie rückt meine Wortwahl dahingehend zurecht, dass sie schlicht “Vorne, meinen Sie” entgegnet. Geld wechseln, zwei McCroissant (durchaus eklig, aber satt machend) und eine “Welt Kompakt” genommen. Wegen dem Format, das ist wirklich praktisch. Und so schwer wie die FR ist das Blatt weder dem Gewicht nach noch inhaltlich.

08:37 Uhr, Landeanflug durch Wolkendecke.

Immer noch “Sun Kil Moon” im Ohr, deren “April” ist definitiv ein höhrenswertes Album (und so gar nicht in Einklang zu bringen mit den Bones, soviel sei gewiss). Ich sitze hier immer noch alleine in dieser Reihe und frage mich, ob die hir alle absichtlich nicht sitzen wollten. Kann nicht sein, denn im Gang gegenüber ist auch eine Notausstiegsluke und da sitzen zwei Menschen. Unter mir taucht England langsam aus den Wolken auf. Immerhin war der Kaffee im Flieger besser als am Hauptbahnhof, dafür hat das Sandwhich oder wie die das Brötchen mit Zeug drauf nennen, das vorranig nach Luft featuring Geschmacksverstärker schmeckt, alles andere als getaugt. Zu dieser Geschichte mit dem Tomatensaft ringe ich mich freilich weiterhin nicht durch, das ist und bleibt in meinen Augen eine ausgemachte Ekligkeit.

london

09:48 Uhr, Heathrow Express
Schon vor der Passkontrolle von Cops aufgehalten worden, die wissen wollen, woher ich komme, wie lange ich bleibe und bla. Schön, seh ich halt verdächtig aus. Dann bei der Passkontrolle aufgehalten worden, weil die Maschine meinen Pass nicht lesen konnte. Glücklicherweise gibt’s die EU und ich habe meinen Perso ja auch noch dabei. Dazu kommt’s aber gar nicht, denn es lag mal wieder an der Maschine. Das Pack scheint sich heute gegen mich verschworen zu haben. An den Customs dann noch mehr Cops die böse gucken. Fürs rumstehen und böse gucken bezahlt werden, scheint ein Traumjob zu sein. Bahnticket gekauft, zum Bahnsteig gegangen, Weg blind gefunden. Nun im Zug und wie immer der Pflicht nachkommend, diesem Land seine maximale Degeneriertheit in jederlei Hinsicht dahingehend sichtbar zu machen, dass ich Scooter höre. Back in the UK, so. Sieht bewölkt aus hier, doch eine gute Entscheidung gewesen, auf Hemd zu setzen. In etwas mehr als einer Stunde geht der Spaß dann los. Sollte locker zu schaffen sein und ich erwische mich gerade dabei, mich einmal nicht selbst zu stressen oder von irgendwas anderem stressen zu lassen.

12:50 Uhr Event
Ich durfte dem Taxifahrer mal wieder drei Mal erklären, wo ich hin muss. Entweder mein Englisch ist nicht gut genug (kann nicht sein), oder ich bin des hiesigen Dialektes einfach nicht mächtig, beziehungsweise unwillens, da groß auf Pseudo zu machen und es mit dem Cockney dann mal zu versuchen. Aber gut, ich bin eh zu früh hier. “Hier” ist ziemlich downtown, eine ex-Kirche, deren Vorraum nun voller Bond-Devotionalien steht. Golden Gun, PPK Silenced, das Beisser-Gebiss, das Drehbuch zu “Goldeneye” und so weiter. Und kein Kaffee.

Warten. Smalltalk. Noch mehr warten, immer mehr Menschen kommen, dazu Kameras, Fotoapparate, noch mehr Kameras und jede Menge Smartphones. Hierzulande ist das iPhone definitiv so weit verbreitet, dass es vermutlich cool ist, wenn man keines hat. Immerhin gibt’s nun Kaffee, aber der schmeckt wirklich grausam. Also Juice, der auch nicht viel mehr hermacht. Dafür sind die Frühstücks-Häppchen ganz angenehm und ich stelle fest, dass ich auf Reisen eigentlich permanent am Fressen bin.

aston_martin

Pressekonferenz kurz nach elf. Joss Stone wird das Bondgirl im Spiel. Das Spiel wird “Blood Stone” heißen und sieht aus, wie eine Mischung aus Racer, 3rd-Person-Shooter und Zwischensequenz. Davon werden einige gezeigt, dazu Trailer und Spielszenen. Ich kann’s nicht ändern, aber das Game davor hat mich mehr interessiert: “Goldeneye”.

Vielleicht, weil es spielbar hier herumsteht. Und sich schnell vier Leute für ein Match finden. Und da ist es wieder, das alte Flair, während man durch das neu gestaltete “Archives”-Level hetzt und auf Kanonenfutter wartet. Es passt einfach alles und die Rezeptur ist denkbar einfach: Nimm vier Jungs, setze sie davor und sie erledigen den Rest. Sachen wie Herkunft, Musikgeschmack oder stilvolle Kleidung sind hier scheissegal - interessanter Ansatz eigentlich, wenn man das mal so bedenkt: Videospiele als integratives Element, quasi kulturübergreifend, da kulturignorierend. SO oder so ähnlich. Ich finde es jedenfalls nicest, auch wenn ich mittlerweile eher der Typ bin, der umgelegt wird. Gut, aus dem Training. Die alten N64-Tage lassen sich definitiv wieder beleben, wird wohl Zeit.

Mittlerweile ist es 14 Uhr. Es gab jede Menge Nahrung vom Grill, eiskalte Coke, das erste Interview ist geführt, zwei kommen noch. Draußen vor der Tür stehen zwei Aston Martin, DB5 und Vanquish. Ich gebe ersterem den Vorzug, obschon mein Blick am ersten, echten Helden des Tages und dessen Fixie hängenbleibt. Als hätte ich nicht genau sowas erwartet, schon klar. Wetter schlägt ein wenig um, hoffentlich bleibt’s bei Wind ohne Regen. Ich freue mich auf die Rückreise, später dann.

singlespeed_london

Später
Interview mit Joss Stone. Und dem Hund auf Joss Stones Schoß. Keine weiteren Kommentare.

Noch später
Interview mit dem Entwickler von “Blood Stone”, dem neuen Bond-Game.

Sehr viel später
Interview mit dem Entwickler von “Goldeneye” und großes Fanboi-raushängenlassen. Der Mann versteht es und versichert, dass die Kernelemente des heißgeliebten N64-Übergames enthalten sein werden, der Titel nur für Hardcoregamer geeignet ist und und und. Balsam für die Casualdreck-geplagte Seele.

Fast ganz spät
Reden mit dem Security-Mann. Regel Nummer eins bei Veranstaltungen jeder Art: Halte dir das Personal warm, das sind die Leute hinter den Tresen, vor und neben den Türen, an der Rezeption. Ehrliche Menschen, die eigentlich eher dein Fall sind als diese Anzugmenschen. Drum warmhalten. Davon mal abgesehen servieren sie dein Essen und bestimmen hier und da durchaus, wer was wann in welcher Menge bekommt. Und der Securitymann ist verdammt freundlich, verdammt schlau und mit ihm einige Worte wechseln in der lauen Vorabendsonne ist äußerst angenehm. Dazu italienisches Bier, weniger angenehm.

Die Rückfahrt zum Flughafen verläuft eher stressig. Weniger als 30 Minuten bis Boarding, als ich den Flughafen erreiche. Aber auch da kein Grund zu stressen, es reicht sogar noch für Shopping und ohnehin dauert hier alles länger, der Abflug verzögert sich und und und. Also alles Easy.

me

Grade extrem angenehme Turbulenzen. Das Pack zu meiner Rechten könnt’s gerne in nem Crash erwischen, selbstgefällige, kurzzschwänzige Managerhackfressen die nur auf Dänglisch über ihren COO, CEO, Projekte und Erfolge labern. Vor allem das Alphamännchen hat garantiert nicht nur nen erbärmlich Kurzen, sondern auch noch ein mieserabel hässliches Hemd das nicht zur Hose passt und nebenbei nen Sprachfehler. Den zu demontieren wäre so einfach und lustig, dass ich es beim Gedanken daran belassen möchte und heimlich in mich reingrinse.

Ausserdem ist der Akku bald leer. Und ich demnächst in Frankfurt. Langer Tag fast vorbei. Bettvorfreude. Alles, was vergessen wurde, dann ein andermal.


17
07 2010

golden_gun

Ein nicht ganz so dezenter Hinweis, worum es bei der heutigen, fünften Visite in London ging. Da ich gerade hoffnungslos übermüdet bin, bekomm ich den eigentlich fertig geschriebenen Beitrag nicht mehr hier eingefügt, korrigiert, etc. Deshalb - und mit dem Verweis auf weitere Bilder - die Vertröstung auf das Wochenende. Das Wetter draußen ist ohnehin viel zu gut, um sich mit Blogs aufzuhalten.