random:notes

Die “Fallout”-Jahre, Teil 3.

Nun gut, diese Minutemen sind in Ordnung. Sie mögen keine Raider, ich mag keine Raider, gemeinsame Basis und so was. Außerdem kann ich dank ihnen das erste mal eine Powerrüstung tragen – und bin schon wieder ernüchtert. Was ist das denn? Nix mehr mit einfach anlegen, sondern reinsteigen und mit Energie versorgen? Dazu ein HUD, das aussieht, als spiele ich grade einen generischen Alien-Egoshooter aus den Achtzigern? Herrje, das Erlangen der Powerrüstung war doch seit jeher der Antrieb für mich in dieser Serie. Oder zumindest einer davon. Und nun steht sie da einfach rum und wenn ich damit rumlaufen will, muss ich sie konstant mit neuer Energie versorgen. Ist doch deppert. Dafür kann ich immerhin kurzzeitig mit einer Minikanone auf restlos unterlegene Raider ballern und eigentlich fehlt nur noch der “Walkürenritt” als akustische Untermalung, dann wäre das der perfekte “Ich bin so über”-Moment.

Stellt sich raus, dass die Minuetemen eine Hippie-Bande sind, die Frieden und Wiederaufbau ins Commenwealth bringen wollen. Richtig, dieses Mal spielt das nicht in Californien, sondern nach Teil 3 erneut an der Ostküste. Für den Wiederaufbau soll ich Dörfer rekrutieren und mit diversen Gegenständen versehen, etwa Verteidigung, Betten, Nahrung und so etwas. Die ich bauen muss. Wait, what, bauen? Was ist das hier, “Minecraft”? Ich baue doch in einem “Fallout” nichts! Das Werkstatt-System überfordert mich heillos. Einlagern, auswählen, aufbauen, platzieren, Ressourcen gewinnen, das alles verstehe ich zunächst überhaupt nicht. Dabei ist es eigentlich herrlich intuitiv, geht leicht von der Hand und wenn es erst einmal durchschaut ist, kommt man prima damit klar. Zudem gibt’s für jeden gebauten Gegenstand Punkte, rein theoretisch betrachtet kann ich mich also auch einfach durch das Errichten von Lampen auf den höchsten Level befördern. Ich verweile. Reiße Häuser in meinem Heimatkaff ab, verwende die Ressourcen darauf, Neues zu schaffen. Finde sogar Gefallen daran – was mich am meisten verwundert. Zeit verstreicht.

Fast vergesse ich, dass die Minutemen mir sagen, ich solle in Diamond City nach weiteren Informationen über den Verbleib meines Jungen fragen. Es sind einige Stunden ins Land gezogen, seit ich auch nur daran dachte, dass das hier eigentlich mein Auftrag ist. “Fallout 4″ hat mich. Ich bin verloren, schweife ab, verschwende Zeit. Völlige Idiotie eigentlich, wenn man mal dran denkt, dass es hier drum geht, meinen Nachfahren zu retten.

Darum denke ich auch nicht im Entferntesten daran, gleich nach Diamond City zu gehen. Stattdessen erobere ich neue Dörfer für die Minutemen, diesen anfänglich noch sehr kleinen, schwächlichen Trupp von Idealisten und helfe beim Wiederaufbau einer Welt, die sich vermutlich gar nicht wieder aufbauen lassen möchte.

Bis ein Funksignal kommt. Aus einer Polizeistation in der Nähe, etwas nördlich von Diamond City. Ich stelle das Radio darauf ein, gehe dem Signal nach. Komme an der Polizeistation an, die gerade überrannt wird. Fraktion 1 ballert auf Fraktion 2, keine Ahnung, wer hier wer ist. Ich sehe im Dunkel der Nacht nur Laserstrahlen aufblitzen und Ghule umfallen. Ghule, prima! Das sind die Gegner. Kräftig draufhalten, Stimpack einschmeißen, nachladen, noch einer, noch drei, noch eine Welle, hört das denn nie auf? Nachdem endlich Schluss ist und ich noch stehe, sehe ich, wem ich da geholfen habe. Mein Atem stockt.

Vor mir steht ein Typ in prächtigster Powerrüstung. Er wirkt drei Meter groß, seine Schultern so breit wie ein Bagger und seine Muskulatur nicht weniger eindrucksvoll als die eines T800.

Er stellt sich mir als Paladin Danse vor. Er muss nicht sagen, welcher Fraktion er angehört. Ich weiß, dass es nur eine gibt, die derartige Ränge führt. Und ich weiß, dass von jetzt an alles anders werden wird. Ich habe meine Bestimmung gefunden.

Die “Fallout”-Jahre: Übersicht

Ich zwinge mich die nächsten Tage mal wieder, regelmäßig etwas zu schreiben, teils aus Übung, teils einfach, um mal abseits des Beruflichen, das nun mal Nachrichtenjournalismus ist, auch was mit Emotion drin zu verfassen. Die “Fallout”-Tagebücher (natürlich voller Spoiler, anders geht’s nicht) finden sich deshalb hier in der Übersicht.

Teil 1
Teil 2
Teil 3

Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9

Die “Fallout”-Jahre, Teil 2.

Ich breche nicht sofort auf. Erst einmal durchforste ich das, was von meiner Heimatstadt übrig ist, nach allem, was mir irgendwie nützlich sein kann. Knacke den einen oder anderen Safe, finde mehrheitlich aber nur Schrott. Keine Ahnung, was ich mit einem goldenen Sturmfeuerzeug, einem Wecker oder leeren Flaschen anfangen soll. Aber ich bin pleite, das wird sich alles zu Geld machen lassen. Und Geld bedeutet Waffen, Munition, Rüstung, Stimpacks. Von all dem werde ich genug brauchen.

Eine Brücke, immerhin noch intakt, verbindet meine Siedlung mit der Außenwelt. Das Wetter ist immer noch traumhaft und obwohl mir diese zerstörte Welt offen steht, spiele ich erst einmal nach ihren Regeln, gehe also meiner Aufgabe nach und wandere gen Süden. Weil ich neugierig bin, schweife ich dennoch immer mal wieder ab, sobald sich auf der kleinen Karte in der Mitte des unteren Bildschirmrandes ein neuer Ort auftut. Etwa diese Tankstelle da. Die haben sicher noch was übrig, das ich mitnehmen kann. Wenn’s niemand sieht, ist es auch kein Stehlen. Doch dann zerreißt ein Bellen die Luft, ein Schäferhund stürmt auf mich zu. Ich weiß, dass ich die Waffe nicht ansetzen brauche, ich kenne diesen alten Knaben. Dogmeat, Begleiter seit es die “Fallout”-Spiele gibt. Ansprechen, streicheln, dem Tier zeigen, dass ich nicht sein Feind bin. Und schon folgt er mir, schon bin ich nicht mehr allein in dieser verlassenen Welt. Das entschädigt auch dafür, dass es in der Tanke nichts nützliches zu finden gibt, außer einer Notiz, die etwas mit Müll und einer Höhle südlich zu tun hat. Ach, was soll es, ich hab’s nicht eilig, schauen wir uns das halt mal an. Ist nur eine kleine Nebenaufgabe, eine kleine Belohnung am Ende, eine Handvoll Erfahrungspunkte obendrauf. Zu Beginn bin ich für alles dankbar, was ich haben kann.

Etwa die Konfrontation zwischen einem Dealer und einer Bar-Besitzerin, wenig weiter südlich. Ich kann schlichten, schließlich habe ich meinen Charakter zu Beginn des Spiels bewusst mit extrem hohen Werten in Intelligenz und Charisma ausgestattet und dafür auf Stärke, Ausdauer und Glück verzichtet. Besser erst mal reden, geschossen werden kann dann immer noch. Es klappt: Die beiden legen ihren Streit bei, die Frau kauft mir dafür alles mögliche ab und ich kann meinen Vorrat an Patronen aufstocken. War zwar bislang nicht nötig, aber immer besser, mehr als gebraucht wird, dabei zu haben.

Und immer noch nicht angekommen dort, wo ich eigentlich hin soll. Denn die Stadt im Süden ist nicht so klein wie meine Siedlung im Nordwesten. Man kann einen Supermarkt erkunden, empfängt plötzlich Radiosignale und hat näher betrachtet überhaupt keinen Grund, das alles hektisch anzugehen. Im Supermarkt begegnen sie mir zum ersten Mal: Ghule, jene Wesen, die vom nuklearen Fallout restlos jeder Menschlichkeit beraubt wurden und nun zombieähnlich nur noch attackieren, gieren, nichts mehr von dem sind, was sie einst waren. Schweifen wir kurz zur technischen Ebene ab: Das VATS-Kampfsystem funktioniert wie eh und je, außer, dass sich Gegner nun etwas schneller bewegen, also nicht still stehen, während man die Partien anvisiert, die man anschließend zu treffen gedenkt. Das sorgt eingangs schon für ordentlich Dynamik, schließlich ist man daran nicht gewohnt. Öfter als mir lieb ist, muss ich deshalb ohne VATS auskommen und in Ego-Shooter-Manier ballern, was weder zielgenau ist, noch wirklich effektiv. Munitionsverschwendung, das hasse ich ja am meisten. Zumindest, so lange ich noch nicht mehrere hundert Patronen in der Hinterhand habe.

Ba-zing, Level up. Altbekannter Klingelton, jetzt kann ich Punkte verteilen. Ähem, Punkte verteilen? Auch das gibt’s nicht mehr. Aus einer Übersicht wähle ich nun aus, was ich an Extra-Fähigkeiten nehmen möchte. Jedes Level up lässt mich eine auswählen, die ich allerdings auch nur nehmen kann, wenn ich die Herausfoderungen erfülle. Nichts mehr mit 10 bis 20 Punkte auf verschiedene Fähigkeiten wie Reparieren, Stehlen oder schwere Waffen verteilen. Das wirft mich nun ins kalte Wasser und kotzt mich ehrlich gesagt auch ein wenig an. Was soll das, nachdem es vier Spiele über prima funktioniert hat? Ist das ausgewogen? Ich bin verwirrt, stinkig, weil ich nicht weiß, worauf ich diesen einen, wertvollen Punkt nun setzen soll. Das ist doch bescheuert. Ich verspüre eine Abneigung gegen Neues, wenn es liebgewonnene Serien betrifft. Es soll alles ein wenig anders sein, aber eben nicht so anders, dass es nicht mehr ist, was es mal war. Protektionismus übler Gamer-Sorte, den ich ansonsten gerne ankreide, in diesem Fall aber schamlos selbst betreibe. In den kommenden Stunden wird sich das immerhin legen, aber verschwinden soll es das gesamte Spiel über nicht.

Es ist spät in der Nacht, als ich das Zielgebäude erreiche. Schüsse fallen plötzlich, man schreit mir zu, ich soll reinkommen, die Raider würden anrücken. Die Raider, dieser Abschaum, der ausnutzt, dass es nun kein Gesetz mehr gibt, keine Ordnung, diese Anarchie zelebrierende Bande, die eigentlich auch nichts anderes ist als ein Held, der gelegentlich stiehlt, Schlösser knackt, Computer hackt – nur um an besseres Equipment zu gelangen. Nichts besseres als ich. Nein, wir sind nicht gleich, wir verspüren keine Lust am überfallen Hilfloser, wir nehmen nicht von Menschen, nur von Ruinen. Ich lege an, drücke ab, werfe die erste Welle zurück, fliehe ins Gebäude.

Neue Freunde warten. Eine Truppe namens “Minutemen”, deren Name mich angenehm an die “Watchmen”-Vorgänger erinnert. Ich bin Lichtjahre davon entfernt, meinen Sohn wieder zu sehen, aber ich fühle mich auf seltsame Art nicht mehr alleine. Es wird eine lange Reise, aber eine, vor der ich keine Angst mehr habe.

Die “Fallout”-Jahre, Teil 1.

Neben mir am Tor drängen sich Menschen und ich weiß, dass sie es nicht rechtzeitig in den Bunker schaffen werden. Weil sie nicht rein dürfen, weil Panik herrscht, weil ich nicht mal dran denke, ob ich sie ansprechen und mitnehmen könnte, sondern nur so schnell es geht rein will. Meinen Arsch und den meiner Frau und meines Babys retten, entkommen, überleben. Der Wachmann findet mich auf der Liste, ich darf passieren, renne auf die Plattform zu, sie setzt sich in Betrieb und in diesem Moment kommt der Blitz, die Bombe geht hoch, die Welt unter. Alle da draußen sind tot, wir jedoch im sicheren Bunker. Eine Szene, wie sie aus jedem Krieg der Welt stammen könnte, wo es jene gibt, die sich durch Glück, Geld oder beides retten und andere, die draufgehen. Wo ich nicht daran gedacht habe, Oskar Schindler zu spielen und andere zu retten, sondern meine eigene Haut mir wichtiger war.

Die nächsten 200 Jahre darf ich über diesen Fehler nachdenken. So lange bleibt meine Spielfigur, Conan habe ich sie genannt (einfach aus Gewohnheit) nämlich in einer Kryo-Kammer eingefroren. Bis man ihn aus dem Schlaf hohlt, vermutlich unbeabsichtigt. Schließlich sind die Typen, die den Mechanismus außer Kraft setzen, hinter meinem Kind her. Meine Frau versucht, den Kleinen zu schützen, ich muss hilflos aus der geschlossenen Kammer zusehen, wie sie erschossen wird. Dann sind sie weg, mit meinem Jungen. Die Kammer geht auf, ich bin allein.

Was ist in den vergangenen 200 Jahren geschehen? Wie sieht es oben aus? Wo finde ich die nächste Waffe, die ich sicher brauchen werde? Fragen über Fragen und die ersten Schritte in der klinisch reinen Vault sind gleichermaßen überwältigend, weil sie so schön ist und andererseits voller Verwirrung, weil ich nicht weiß wohin mit mir, weil ich nicht weiß, wo mein Sohn ist, wo sie ihn hingebracht haben, warum sie ihn überhaupt holten.

Licht. Grelles, helles Licht, als ich eine gute Stunde später das erste Mal nach draußen komme. Die Welt ist also untergegangen. Kahle Bäume, zerstörte Gebäude, umgekippte Container, die nicht mehr in den Bunker gebracht werden konnten. Und überall Skellete. Ich gehe den Zaun entlang, den ich einst so hastig hinter mir ließ. Da liegen sie, die Toten, die, die niemand gerettet hat, die keine Eintrittskarte hatten. Ich durchstreune die Gegend. Da fließt tatsächlich noch ein kleiner Bach, klares Wasser, klar, dass es versucht ist. Und dennoch: Im Sonnenlicht sieht das alles hier so schön aus, dass ich gar nicht dran denken möchte, wie schlimm eigentlich alles ist. Dieses öde, verbrannte, Land ist eine wunderbare Vision dessen, was mit der Welt geschehen könnte, wenn die Bombe erst einmal gefallen ist. Denn während auf menschlicher Seite so gut wie alles tot ist, hat sich die Natur ihr Land zurückerobert.

Wenige Meter entfernt ist das, was von meinem Heimatkaff, einer spießigen Häusersiedlung besserverdienender Amerikaner, noch übrig ist: Ruinen. Wie durch ein Wunder hat der dämliche Hausroboter jedoch überlebt. Wo mein Junge ist, weiß er nicht. Aber er hat einen Tipp. Und ich mittlerweile eine Pistole. Es wird nach Süden gehen. Ich werde meinen Jungen finden und schwöre mir zu Beginn eines Abenteuers, das mich die nächsten 100 Stunden fesseln wird, dass alles, was mir auf dem Weg dorthin in den Weg kommt, sterben wird. Keine Gnade, keine Frage danach, was Gerecht ist, ein reiner Egotrip auf der Suche nach dem vielleicht einzigen Verwandten, den ich noch habe.

Wüsste ich jetzt schon, wie die Tour de Force einmal enden wird, ich würde die Neunmillimeter vermutlich an meine Schläfe setzen und abdrücken.

und das ist die beste Nachricht

In den vergangenen vier, fünf Wochen bin ich eigentlich kaum einen Tag zur Arbeit, ohne mich schon im Auto zu fragen, welches Flüchtlingsheim heute Nacht wieder gebrannt hat. War es im Osten, im Westen, müssen wir nun drüber reden, dass das eben kein ostdeutsches Phänomen ist, auch keins von Leuten ohne Bildung? Müssen wir nochmal durchkauen, dass HoGeSa, Pegida und AfD den Nährboden für die Brandsätze gelegt haben, mehr noch: das Feuerzeug waren, das irgendwelche Idioten selbige in Gebäude werfen lässt, wohlwissend, dass da Menschen drin sind, die mit nicht mehr als ihren Kleidern in unser Land kamen und nur vom Krieg weg wollten? Ehrlich gesagt: ich war’s langsam leid.

Und dann kam es anders: In den letzten Tagen bestimmen die guten Nachrichten die Titelblätter. Wir helfen, die Hilfsbereitschaft der Menschen ist gigantisch. In Darmstadt, wo ich wohne, kamen so viele Spenden zusammen, dass die Lagerhalle, in der die Sachen gelagert werden, keine mehr annimmt. Ich schaue vor oder nach der Arbeit gerne vorbei und helfe beim sortieren. Wir räumen Kinderschuhe ein, packen Pakete mit Winterkleidung in verschiedenen Größen, schauen, was wir an Spielzeug für einen Kindergarten zusammensuchen können. Es helfen Deutsche, Syrer, Spanier, Italiener, Amerikaner, Menschen von überall her. Sie kommen dort hin, bekommen keinen Cent für ihre Arbeit, dafür aber kostenlosen Kaffee. Sie sind sich nie begegnet, lachen sich aber zu und grüßen freundlich. Und dann kommen die Flüchtlinge, meist in Bussen. Sie nehmen sich, was sie brauchen, in ihren Gesichtern ist Freude. Das ist mehr Lohn als jeder steigende Kontostand es je sein könnte.

Gleiches passiert anderswo: In Österreich holen Menschen Leute aus Ungarn ab, in Wien und München werden sie mit offenen Armen emfpangen, selbst in Dortmund, das nun wahrlich nicht gerade als ungefährlich gilt, was Rechte betrifft, überwiegen die guten Nachrichten. Es wird klar: Die Deutschen wollen helfen, sie tun das auf sehr viele verschiedene Arten, sie sind da, tun, was sie können. Und wenn es nur ein Kuscheltier ist, das am Bahnsteig einem Flüchtlingskind von einem anderen Kind in die Arme gedrückt wird.

Das ist gut, denn es sorgt einerseits dafür, dass sich das Bild der vergangenen Wochen deutlich korrigiert – wie man auch der ausländischen Presse entnehmen kann. Andererseits nimmt es den Ewiggestrigen die Argumente. Was können sie nun noch sagen? “Wir sind das Volk”? Nö, das Volk steht an Bahnhöfen, bringt Decken, Tee und liebe Worte. Es schmeißt keine Brandsätze, sondern nimmt hilfesuchende Menschen so auf, wie man selbst aufgenommen werden möchte, wenn man Hilfe sucht. Was bleibt? Sachen wie “Wer soll das zahlen?” werden beantwortet mit “Das Geld ist da”, dass man Haushaltspläne umstellen kann und dennoch auf eine schwarze Null kommt, beweist wunderbar, dass uns die Hilfe monetär nicht mehr abverlangt, als wir eh haben.

So können sie sich nur noch auf das “Aber wer hilft uns denn?” zurück ziehen und irgendwann verstehen, dass es zwischen ihnen, so schlecht ihre Lage vielleicht auch sein mag und Menschen, die mal eben 170 Kilometer von Budapest zur österreichischen Grenze zu Fuß zurücklegten, einen gewaltigen Unterschied gibt. Und dann bleibt ihnen eigentlich nur noch eine Einsicht: “Scheiße, ich bin in dieser Misere, in der ich bin, weil ich selbst Schuld dran hab und bislang nur scheiße war und das auf andere schob, die noch viel, viel weniger haben als ich”. Ich sehe täglich Postings, die tiefbraun beginnen und sich mit jedem Kommentar wandeln. Die Leute lernen. Ob sie sich danach wandeln und helfen oder weiterhin braune Arschlöcher bleiben, lässt sich natürlich nicht pauschal sagen. Wichtig ist nur: ihnen gehen die Argumente aus. Sie werden über kurz oder lang also schweigen. Die Sache wird sich normalisieren. Vielleicht hetzen sie weiter am Stammtisch, aber das haben sie immer schon, das werden sie auch morgen noch. Aber sie realisieren nach dem fünften oder sechsten Bier, dass sie nichts bewegen können mit ihrem Hass. Sie haben nie gewonnen. Sie haben nur eine Zeit lang die Schlagzeilen gehabt. Mehr nicht. Und die hat man ihnen nun weggenommen und wird sie ihnen auch nicht wieder geben.

Und das ist für mich die beste Nachricht der letzten Tage.

alles, was ich kann

Gewidmet einem kleinen Jungen

Da liegt dieser Junge am Strand. Nicht, wie ich als Junge am Strand lag, nicht in der Sonne, nicht beim Burgen bauen oder den kleinen Fluss, der sich seinen Weg in den See bahnte, mit Dämmen aus Schlamm am aufstauen. Sondern mit dem Gesicht nach unten. Er ist tot, das rote Shirt und die blauen Hosen durchnässt. Angespült an der türkischen Küste wie ein Stück Treibholz.

Er wird niemals nach Deutschland kommen, wo er und seine Familie vielleicht hin wollten. Nein, wollen ist falsch, sie mussten. Weil ihre Haus weggebombt wurde, weil ihr Leben in höchster Gefahr war, weil plötzlich scheißegal war, ob der Vater davor Müllmann oder leitender Angestellter war. Sie haben alles, das sie tragen konnten, in Koffer gepackt, die Handys mitgenommen, soviel Geld wie möglich und sind so schnell es geht verschwunden.

Fast hätten sie das gelobte Land erreicht. Fast hätten sie es in die Türkei geschafft, von dort nur wenige Kilometer weiter nach Griechenland oder über Ungarn. Sie wären in Sicherheit gewesen. Der Junge hätte hier aufwachsen können, hätte Freunde gefunden, vielleicht einen guten Schulabschluss gemacht, vielleicht studiert. Kann sein, dass wir uns mal über den Weg gelaufen wären, ohne dass ich ihn erkannt hätte, wie auch? Gut, sicher nicht im Plattenladen bei den Metal-Alben, aber in der S-Bahn, in einer Warteschlange bei Starbucks, was weiß ich wo. Eines Tages, wenn Frieden in Syrien ist, wäre er vielleicht zurück, vielleicht auch nicht. Was interessiert das schon. Er ist tot. Einer von so vielen, die dieses Jahr angespült an den Stränden unserer ach so hoch entwickelten Europäischen Union liegen und die morgen schon vergessen sind.

Das Bild wurde mir heute mehrfach in meine Twitter-Timeline gespült. Es ist zu stark. Ich kann das nicht ansehen. Es ist die direkte Konfrontation mit allem, was falsch läuft: Dass es keine sicheren Fluchtrouten nach Europa gibt, dass Menschen Schleppern viel Geld bezahlen, um in überfüllte Boote oder LKWs ohne Sauerstoffzufuhr gepfercht zu werden. Dass sie jeden noch so dünnen Strohhalm, der eine Rettung verspricht, ergreifen. Dass wir statt ihnen zu helfen heute beschlossen haben, Kriegsschiffe zu schicken. Dass wir Agenturen wie Frontex beauftragen. Dass wir schnellere Abschiebeverfahren beschließen, erklären, wie überfordert unser Land doch mit geschätzt 800.000 Menschen, die dieses Jahr kommen werden, sei. 800.000 – nicht mal ein Prozent unserer Bevölkerung.

Dieser tote Junge ist nicht direkt meine Schuld. Ich habe ihn nicht getötet. Aber ich lebe in Sicherheit, was kann ich also schon groß sagen? Ich werde hoffentlich nie fliehen müssen, nie durchmachen, was der Kleine durchgemacht hat. Nie an einem Strand angespült werden, ohne Namen, bekannt lediglich als ein Bild, das sich über Twitter verbreitet. Alles, was ich kann, ist diese Zeilen schreiben. Und versuchen, nicht aufzuhören, dran zu glauben dass irgendwann alles anders sein kann. Zu tun, was ich tun kann.

(Es gibt aktuell eine Aktion, von der ich mich sehr freue, wenn sie möglichst viele Menschen unterstützen. Ihr findet sie hier. Wenn ihr euch anders engagieren wollt, schreibt diese Frau an.)

Youtube-Stars, ihr seid der letzte Dreck

So, ihr seid also hier gelandet und fragt euch nun, warum da oben nicht irgendwo ein “Vice”-Logo prangt, wo die Headline doch so catchy war. Ganz einfach: Ich wollte, dass ihr das hier lest, ich wollte, dass ihr es nur lest, weil ich bereits zu Beginn Menschen beleidige, die euch wichtig sind und ihr diesen Text nun nur lesen werdet, um am Ende drüber zu kotzen, nach Fehlern zu suchen und Inkompetenz zu attestieren. Macht ruhig – so lange ihr bis zum letzten Wort dabei bleibt, ist mir das recht.

Youtube-Stars haben mich nicht erst in den vergangenen Wochen angekotzt. Schon davor. Warum? Natürlich weil ich neidisch bin. Da habt ihr es schon. Nach durchschnittlichem TKP bekommen diese Menschen viel mehr Geld als ich und das nervt mich, weil ich mich für besser halte. Glaubt ihr? Ok, dann könnt ihr hier aufhören zu lesen. War schön mit euch!

Worum es wirklich geht: Diese Menschen haben nichts geleistet, dass Popularität rechtfertigt. Gehen wir davon aus, dass Menschen berühmt werden, weil sie eine Sache besonders gut können, dann ist das im Falle von Youtube-Stars nie der Fall gewesen. Alles, was sie wirklich gebracht haben, war zuerst da zu sein, etwas zu starten, bevor andere es gestartet haben. Mehr nicht. Es ist weder besonders originell, noch einfallsreich, nocht gehaltvoll. Es hat keine Message. Es sind Videos von Menschen beim Schminken, beim shoppen, beim auspacken von Videospielen, beim spielen von “Minecraft”. Mehr nicht. Jeder könnte das, ihr könntet das, ich könnte das. Dazu ein wenig generisches Gelaber, flache Witze – das ist alles.

Auch handwerklich ist es barbarisch: Man filmt sich vor Webcams, im Idealfall leistet man sich noch ein Mikorphon, mehr nicht. Jeder, der auch nur ansatzweise mit Medienproduktion zu tun hat, kotzt, wenn er derart dilletantische Aufnahmen sieht. Jeder Dahergelaufene könnte das – kein Wunder, dass es euch so wunderbar gelingt, denn mehr seid ihr nicht. Ihr habt nie Journalismus studiert, nie ein Volontariat gemacht, nie gelernt, wie man Videos richtig dreht. Ihr setzt euch vor eure Kameras und labert belanglose Scheiße, die ich so auch in jeder S-Bahn hören könnte. Ich soll euch beim schminken zusehen, beim spielen langweilger Games, wobei auch immer. Ihr wollt unbedingt, dass ich Teil eures ansonsten völlig langweiligen, belanglosen, kleinen Lebens werde. Interessiert mich, was Lieschen Müller grade in Eberstadt-Süd bei “Aldi” einkauft? Nö. Warum sollte ich euch also zuschauen, wo ihr doch nicht mehr seid als Nobodies.

Und dann werdet ihr berühmt. Die Abrufzahlen sind sieben- bis achtstellig, die Follower durchbrechen die Millionenmarke, Privatsender laden euch nach Los Angeles ein, weil man sonst nicht mehr weiß, wie man mit althergebrachten Ideen das Format “Fernsehen” noch retten könnte, man stilisiert euch zum neuen Messias, zum Heilsbringer. Selbst die Kanzlerin dürft ihr interviewen! Ihr nehmt diese Rolle gerne an, denn hey, “FUCKING LOS ANGELES!” und andere zahlen alles, wie geil ist das denn! Außerdem gibt’s noch Geld und neue Kontakte und eventuell die Aussicht darauf, dass nach dem Karriereende (und seien wir ehrlich: in fünf Jahren kennt euch keine Sau mehr) doch noch was seriöses rausspringt. Kurz: ihr tanzt deren Tanz. So wie ihr auch den Tanz eurer Vermarkter tanzt, denen es egal ist, ob sie Burger bewerben oder Menschen. Für sie ist alles Content. Für euch ist alles auf dem Konto Euro. Ihr spielt gerne mit.

Blöd nur, dass ihr plötzlich Verantwortung habt. Für junge Mädchen, die sich euren Namen in den Arm ritzen. Dafür, dass Sprüche wie “Wohl zu viel Veggieschnitzel gegessen” schlicht diffamierend sind. Dafür, dass ihr eben doch nur geistige Nichtschwimmer seid und in der direkten Konfrontation genau diesen Habitus auch bringt – woher solltet ihr es auch besser wissen, wo ihr bis vor kurzem noch Nobodies wart?

Ihr rafft es nicht, oder? Ihr werdet auf der einen Seite von Vermarktern, die zehn Mal länger dabei sind als ihr, verarscht und als willige Gelddruckmaschine verheizt, während ihr auf der anderen Seite Leute habt, die zu euch aufschauen (warum auch immer!) und denen ihr nichts, absolut nichts mitgeben könnt.

Checkt es einfach: Ihr seid ein kleines Rädchen in einer Vermarktungsmaschinerie, die vor euch da war, die nach euch da sein wird. Für die ihr ein Trend seid, mit dem man aktuell die meiste Kohle abschöpfen kann. Dass ihr das euren “Fans” nicht sagt, ist klar. Für die seid ihr ewig. Ihr werdet nie weg sein, ihr nehmt den Job wahr, den ihre Eltern sonst nicht oder nur unzureichend wahrnehmen. Dabei seid ihr auf diese Tätigkeit in etwa so vorbereitet wie ein Führerscheinanfänger auf die Nordschleife.

Seid also bitte wenigstens ehrlich zu euch selbst: Ja, ich komme aus dem nichts, ja, ich kann abseits dessen, was ich da an Gehaltlosem produziere, nicht wirklich was. Und ja, ich kann keine Menschen in der Hinsicht leiten, dass ich ihnen sage, was richtig ist und was falsch, dass Reichweite auch Verantwortung mit sich bringt, war mir leider nicht klar, ich dachte nur an die neue Kohle für Schminke oder Games. Ich kann nur doof in eine Kamera grinsen und flache Scheiße labern, auf den Scheck vom Vermarkter warten und mich klammheimlich im stillen Kämmerlein drüber freuen, dass ich berühmt wurde.

Und dann verschwindet bitte wieder in diesem Kämmerlein. Ist besser für alle.

Deutschland, 2015

Der Zweite Weltkrieg ist seit 70 Jahren zu Ende und ich werde das Gefühl nicht los, dass sich in Teilen der Gesellschaft in dieser Zeit nichts getan hat. Sie nennen sich nun Pegida, Hogesa, es ist völlig egal ob der Ort Freital heißt oder Meißen oder Jenfeld. Es ist überall das gleiche Spiel: Sie nehmen für sich in Anspruch, Volkes Willen durchzusetzen, es ist wieder traurige Realität geworden, dass Asylbewerberheime brennen, dass Flüchtlingen, die unter Lebensgefahr in unser Land kommen erst mal unterstellt wird, nur aus wirtschaftlichen Motiven hier zu sein. Die Meldungen fallen vielfach schon gar nicht mehr auf – oh, wieder ein Hakenkreuz irgendwo hingeschmiert? Es ist beinahe Alltag – und das beziehe ich nicht auf meine Filterbubble, sondern das, was mir täglich in den Nachrichten, die ich als Journalist nun mal nicht nur konsumiere, sondern eben auch mache, unterkommt.

Und in den Kommentaren, den Zuschriften, bei Twitter, bei Facebook. Der braune Mob agiert nach dem immer gleichen Muster: Er maßt sich an, im Auftrag des Volkes zu handeln, das Volk zu repräsentieren, ein Volk, dessen Rechtschreibung er nicht einmal auf dem Niveau eines Viertklässlers beherrscht. Er tritt frech und frei auf, er traut sich nach draußen, in das vermeintliche Draußen, denn das Netz ist seiner Meinung nach ja immer noch anonym, er rechnet nicht damit, dass Postings als Screenshot einmal beim Arbeitgeber landen können. Falls er überhaupt Arbeit hat – denn wie immer sind die rassistischen Motive die gleichen: Neid, Missgunst, Angst vor dem Fremden, resultierend daraus, dass man im eigenen Leben nichts gebacken bekommen hat. Diese Leute sind kleine Niemande, aber sie sind nicht wenige und sie fühlen sich von einem imaginären “die da oben” von grundauf verarscht. Deshalb sind es heute noch Hakenkreuze, morgen schon brennende Asylheime und übermorgen wieder die ersten Toten. In der kleinen, braunen Welt ist das alles legitim, schließlich würde man im Falle eines Volksentscheides sowieso Recht bekommen – denkt man zumindest. Natürlich wissen sie nicht, dass sie in der Minderheit sind, dass der überwiegende Teil unseres Landes gegen sie steht und für Vielfalt eintritt, sich zu demokratischen Werten bekennt und einem Vierten Reich sicher keine Chance gibt.

Aber das ist ihnen Wurscht. Das nehmen sie gar nicht wahr. Was mich in den letzten Wochen besonders erschüttert, ist wie offen sie auftreten. Wie dreist. Wie sie beginnen, das Netz zu nutzen, wenn auch nur auf tumbe Art, wenn auch nur ohne jeden blassen Schimmer von dessen Dynamiken. Aber sie sind da. Und sie werden nicht weggehen. Höchste Zeit, etwas zu unternehmen.

Was tun gegen Nazis im Netz?

Zunächst einmal stellen wir fest, dass nicht jeder, der keine Asylbewerber will, ein Nazi ist. Ein Arschloch in jedem Fall, aber kein rechtsradikales Arschloch. Es gibt Abstufungen und bei denen, die noch in einer Art “Frühstadium” sind, lässt sich mit Bildung, mit Aufklärung, mit Fakten eine Menge erreichen. Sie haben Angst – diese Angst kann man ihnen nehmen. Ihre Angst basiert auf falschen Statistiken, auf aufgebauschten Meldungen, teils auch auf dem, was ein großes Boulevardblatt hier täglich veröffentlicht. Aber sie ist noch nicht so gereift, nicht so gefestigt, dass sie abseits einiger Kommentare mehr tun würden. Hier kann man überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, die Leute aufzuklären. Denn das tut Not. Neulich las ich ein Posting, wo ein zunächst rechts Auftretender nach einigem Zureden eine Entschuldigung für seine falschen Ansichten abgab. Das hat mich irgendwo beeindruckt, das möchte ich öfter sehen.

Das gilt nicht für die, die schon knietief drin sind. Die ganze Mischpoke aus Nazi-Verschwörungstheoretikern-Volksentscheidungsbrüllern etc. kann man abschreiben. Die wollen gar keine Fakten, ihrer Ansicht nach sind sie bereits in Besitz der “Wahrheit” und die ist ihrer Meinung nach in Deutschland ja verboten. Deshalb sehen sie sich als Teil eines kleinen, elitären Zirkels und planen schon mal den ersten Lynchmord nach der Machtübernahme, die ihrer Ansicht nach eh nicht mehr lange auf sich warten lassen kann. Wird natürlich nicht so kommen und dennoch muss man diesen Menschen immer und überall entgegentreten. Und zwar jeder so, wie er kann. Sei es, in dem man ihre Aussagen mit Klarnamen öffentlich macht, ihre Arbeitgeber darüber informiert, was sie hinter vermeintlich geschlossenen Facebook- und Twitter-Türen ablassen, ihre Accounts und Seiten meldet, ihnen jeden Tag auf’s neue klar macht, dass sie im Netz nicht willkommen sind. Und sie angeht, wo immer man sie auf der Straße antrifft – mit den Mitteln, die uns das Gesetz zur Verfügung stellt. Es gibt keinen Job, außer ihnen wieder und wieder zu zeigen, dass sie nicht willkommen sind. Dass sie sich verpissen sollen. Egal, ob im Bus einer einen Ausländer dumm anmacht oder im Supermarkt oder auf Demos. Es gibt ausreichend Mittel des zivilen Ungehorsams, um denen das Wasser abzugraben. Vor Jahren hat Freiburg gezeigt, was ein einfacher Sitzstreik an einem Bahnhof ausrichten kann: Die Nazis kamen nicht aus dem Zug, ihre Demo konnte nicht starten. Es müssen keine Flaschen fliegen, keine Steine.

Ich als Journalist sehe als als meinen Job, zunächst aufzuklären. Zu berichten, was wo los ist, wie das einzuordnen ist. Den Leuten dabei sicherlich die Gelgenheit bieten, sich eine Meinung anhand meiner Beschreibungen zu bieten, diese jedoch ist klar vorgefärbt davon, dass ich mich zu einem bunten Deutschland bekenne und damit gegen Rassismus. Dass ich das nicht weiter ausführen muss, erklärt sich von selbst. Deshalb mache ich aber nicht automatisch Meinung, wie sie mir als “Lügenpresse”-Anhänger gerne vorwerfen. Denn Meinung gegen etwas, das ein Verbrechen ist, muss man nicht machen. Das entlarvt sich alles von selbst. Das verstehen sie natürlich nicht und mittlerweile ist es Teil meines beruflichen Alltags, Drohungen zu erhalten, die von einfachen Beschimpfungen bis Gewalt reichen. Doch ich habe keine Angst.

Und das ist noch das wichtigste dabei – egal wie und wo man Rassisten entgegentritt. Sollen sie kommen. Sollen sie hierauf antworten. Sollen sie drohen. Meine Adresse steht im Impressum. Sie haben keine Chance.

wie ich leben möchte

Das Leben in unseren Zeiten mag hektisch sein und wir täglich einer Fülle an Einflüssen ausgesetzt, dazu kommt noch diese verdammte Hitze. Aber manchmal liest du etwas, das dich trotz allem nachdenken lässt. Das war bei diesem Tweet der Fall und ich habe mich auf dem Heimweg gefragt, warum es eigentlich nicht einfach cool sein kann mit uns allen.

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der wir endlich einen Fick drauf geben, wie jemand aussieht, was jemand trägt, was jemand im Bett macht, woher jemand kommt, welche Farbe seine Haut hat. Es hat uns einfach nicht zu interessieren. Es soll eine Veranstaltung sein, wo wir sagen, dass wir den anderen einfach den anderen sein lassen. Das ist ein Mensch, verdammt nochmal und er ist nicht weniger wert, nur weil auf seinen Schuhen nicht “Nike” steht oder sein BMI oberhalb unseres eigenen liegt. Das, was wir an Werbeplakaten an der S-Bahn sehen, ist nicht unser Ideal, davon lassen wir uns nicht einreden, dass es so zu sein hat und alles andere automatisch quasi aussätzig ist. Wir akzeptieren einfach mal, dass wir alle Menschen sind und hören auf, denen, die nicht dem entsprechen, was grade die Mehrheitsmeinung ist, ein schlechtes Gewissen einzureden, weil sie zu viel auf den Rippen haben oder ihre Klamotten nicht die Labels tragen, die grade hip sind. Wir hören endlich auf, uns verscheißern zu lassen von Idealen, die irgendwelchen Werbern entsprechen, deren Interesse nur ist, dass wir die von ihnen beworbenen Produkte möglichst zahlreich kaufen. Wir hören auf, Sachen zu sagen wie “Aber das ist halt der Zeitgeist heute”. Wir lassen einfach jeden so sein, wie er oder sie es will.

Die Form von Liberalität, die ich meine, bedeutet nicht, dass uns der Nächste scheißegal sein soll – im Gegenteil: wir würden alles dafür tun, dass er oder sie sein kann, wie er oder sie sein will. Egal, was das auch sein mag. In dieser Gesellschaft möchte ich leben. Wo sich jeder verwirklichen kann. Wo sich niemand verstecken muss. Wo wir uns auf den kleinsten, gemeinsamen Nenner besinnen, der da nun mal heißt, dass wir alle Menschen sind. Und keine Trends, die allem nachrennen, das grade das Ding zu sein scheint, nur um möglichst unauffällig durchs Leben zu rutschen und uns dabei bloß nie fragen, was wir eigentlich sind, was wir wollen. Es soll jeder seinen Raum haben. Und zum Teufel mit denen, die jemandem warum auch immer seinen nehmen.

dumm

Manchmal…

… stell ich mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich nach dem Abitur nicht studiert hätte, nicht weggegangen wäre, nicht der geworden, der ich heute bin. Ich hätte eine Lehre gemacht, was einfaches, ehrliches. Automechaniker, Elektriker. Monatlich neunzehnhundert Netto, ein basisausgestatteter Golf VI, der abzubezahlen wäre, eine dreieinhalb Zimmer Wohnung, deren Kredit noch 30 Jahre läuft. Vermutlich eher ein Haus. Nine-to-five-Job, danach Bier auf, gelegentlich mit den Freunden einige Käffer weiter in die Disco, dort irgendwann die Frau fürs Leben kennenlernen, drei Jahre später ebenso viele Kinder haben, alles in geregelten Bahnen. Sie arbeitet irgendwo als Verkäuferin, ich schraube an Zeug rum. Abends heimkommen, Essen steht auf dem Tisch, früh ins Bett, früh raus. Wochenenden dazu nutzen, shoppen zu gehen oder Scheiße zu kaufen, die wir eh nicht brauchen. Zwei mal im Jahr Pauschalurlaub, Fotos davon auf Facebook posten. Twitter? Nie gekannt, nie für interessiert. Nix mitbekomen von GamerGate, von Nazis in Freital, keine Meinung über die Homoehe außer einem Schulterzucken. Einfach ein Leben führen, wo einem alles scheißegal ist, wo es nur drum geht, dass das Konto gedeckt ist und der Kühlschrank voll. Sowas richtig einfaches. Nie mal dran gedacht, ein Buch zu lesen, stattdessen lieber den nächsten Dämlichblockbuster im Kino schauen. Nie mal dran gedacht, sich sozial oder sonst wie zu engagieren, maximal im örtlichen Schwarzwaldverein und da auch nur, damit die Leute im Ort nicht denken, man wäre irgendwie komisch. Maximale politische Beteiligung: alle vier Jahre wählen gehen. Wen, ist eh egal, “die da oben” sind ja in Berlin, das ist weit weg und ich wohne auf dem Land, ich kleiner Mensch kann doch eh nix tun. So ein richtig schönes, kleines Leben, nach dessen Ende nix bleibt, das irgendwie noch erwähnenswert wäre außer: “Jo, hat halt gelebt”. Wichtiger als irgendwas zu hinterlassen war es schließlich, dass die Kinder pünktlich aus dem Kindergarten abgeholt werden und der Wagen über den TÜV gebracht. Außerdem wollten Hans-Peter und Joachim später noch in der Dorfkneipe paar Bierchen machen. Nie mehr als drei, niemals was mit Exzess, niemals sich selbst verlieren, immer schön die Contenance gewahrt, immer schön angepasst geblieben. Nie laut geworden, nie mal auch nur einem eine Kippe geschnorrt (immer eigene Kippen dabei zu haben, ist von elementarer Bedeutung!). Nie Gedanken gemacht, die über die Ortsgrenze hinaus gehen. Ein Leben, das sich nur um sich selbst gedreht hat, nur darum, sich fortzupflanzen und dann zu sterben, auf dem Weg dorthin Geld zu verdienen, Geld ausgeben, nicht über irgendwas hinter den Dingen nachdenken, sondern einfach nur tun.

Manchmal denke ich, so dumm zu sein, wäre vielleicht nicht schlecht.

(Der Hintergrund zum Titel dieses Beitrags. “Dumm” soll in diesem Sinne nicht abwertend gemeint sein.)

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