blutarmlust

von Volker Dohr

“Hätte als EP geil geknallt” ist so ein wenig der Euphemismus für “Das Album hat schon seine Stärken, ist aber insgesamt jetzt nicht so der Brüller”. Das trifft auf die neue Body Count leider zu. Dabei war das Fundament mit “Manslaughter”, der 2014er-Veröffentlichung, doch eigentlich denkbar dankbar: Einfach gestrickter Hass, voll in die Fresse, simple, handgemachte Musik. Vor allem ein Album, das die unsägliche “Murder 4 Hire” vergessen machte. Hätte man also einfach nur so weitermachen müssen, Entwicklung ist ja auch nicht immer nötig, um zu überzeugen (Hi, Bad Religion!). Kam leider nicht ganz so.

Auf der Positivliste: Der Opener “Civil war” ist fett. Der darauf folgende Song “The ski mask way” genauso. Da ist er, der schnöde, simple Hass, den man seit “Copkiller” abfeiert. Passt alles. Davon in direkter Folge zwei, drei weitere Tracks und diese Besprechung könnte mit “Kauft’s einfach” enden. Zuviel Konjunktiv, man mag bereits erahnen, wo das hinführt. Etwa zum dritten Song, “This is why we ride”. Was soll das sein? Im Vorgänger noch (durchaus ironisch lesbar) Überfälle abfeiern und im Folgesong dann halbballadesk Bandenkriminalität und deren Opfer beklagen? Die selbstreflektive Nummer steht der Band einfach nicht, was in dem Fall auch musikalisch zutrifft, die Nummer ist eine Einschlafhilfe für Menschen, die auf “Sons of Anarchy”-Romantik stehen und denken, das bilde die Realität adäquat ab.

Könnte ja alles besser werden. Schon wieder Konkunktiv. Den “All love is lost” ebenso wenig einlöst wie das grausame Slayer-Medley “Raining blood / Postmortem”. Ist schön, dass ihr Vorbilder habt, aber Slayer brauchen nicht gecovert werden, die sind seit 20 Jahren ein Abziehbild ihrer selbst. Fünf von elf Songs und drei sind bereits Aussetzer. Wäre besser mal eine EP geworden.

Und dann kommt da plötzlich halt doch noch diese Steigerung, die einen an der Frage, ob man dieses Album nun als Gesamtwerk mögen mag oder nicht, verzweifeln lässt. “God, please believe me” ist strenggenommen eh kein Song, sondern ein Zwischenspiel, also nehmen wir den aus der Gesamtrechnung mal raus. “Walk with me” und “Here I go again” dagegen bereiten langsam, aber äußerst stabil drauf vor, dass mit den bereits zuvor veröffentlichten “No lives matter”, “Black hoodie” und “Bloodlust”, drei Nummern abgeliefert werden, die zum Besten gehören, das Body Count je gemacht haben. Haben wir also zwei solide Nummern und drei Über-Songs.

Wäre das eine Videospiel-Besprechung, könnte man nun aufrechnen, subsummieren und dann schließen mit: Fünf mal Killer, ein mal Interlude, drei mal Langweiler, zwei mal So-Lala. Macht 75% oder so. Blöd halt, dass Alben wie auch Videospiele Kunst sind und man sich mit einer “Wertung” nach abgearbeiteten Kriterien bestenfalls rausreden kann, wenn man selbst zu blöd für mehr ist oder seinen Lesern nicht mehr zutraut.

Ich traue der Handvoll Menschen, die diesen Text bis hierhin gelesen haben, zu, dass sie herauslesen, dass ich der Platte gegenüber ein wenig ambivalent bin. So ein schönes Wort, es entbehrt von jeder finalen Stellungnahme. Deshalb wurde die schon zu Beginn getroffen, beten wir sie also noch einmal herunter: Als EP wäre das Ding ein Brett geworden. Als Album ist es nichts, das ich liegen lassen würde, aber eben auch nichts, das in elegischer Breite in alle Himmel gelobt werden muss. Hausmannskost, wenn man unbedingt ein Qualitätskriterium benötigt. Wenn nicht: die erwähnten Songs sind geil. Die anderen kann man überspringen.

(Post scriptum: Koscht auf Vinyl 22 Euro, CD liegt gratis bei, die kann man verschenken. Außerdem erzählen euch dann Leute ihr wärt Hipster und menschlich eh scheiße, weil ihr so tut als ob und mit Platten einen auf cool macht, wo das doch längst Trend ist. Lohnt also in mannigfaltiger Hinsicht.)