Die “Fallout”-Jahre, Teil 9.

von Volker Dohr

So lange ich mir im letzten Post auch Gedanken über eine Entscheidung, die jeden Menschen an seine moralischen Grenzen bringen würde, gemacht habe, so schnell entscheidet “Fallout 4″, was ich mit Kellogg anstellen soll: Ihm eine Kugel verpassen. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir mal über Dialoge sprechen sollten, darüber, dass Teil 4 im Gegensatz zu seinen Vorgängern schon sehr abgespeckt mit Optionen daherkommt. Frühere Teile waren Textwüsten, die Dialoge ellenlang und komplex und man hatte irgendwo auch immer die Möglichkeit, aus der Nummer mit Reden rauszukommen. Das ist nun Geschichte. Es ist runterreduziert, vereinfacht, der Tiefgang fehlt. Was, wenn ich Kellogg gar nicht töten wollte? Wenn ich sagen wollte “Ist ok, du hast Mist gebaut und nun sieh zu, dass du Land gewinnst”? Gibt’s nicht. Oder ich hab es nicht gefunden, kann natürlich auch sein. Glaube ich aber weniger. Und ja, es fehlt. Der Rollenspiel-Teil dieses Rollenspiels ist teils arg mager ausgefallen und gerade bei dieser Entscheidung fällt das besonders auf.

Nun ist er also tot und ich will meiner Wege gehen. Verlasse das Haus und in diesem Moment bricht sie aus den Wolken: Die Prydwen, das verdammt mächtigste Luftschiff, dass es in dieser Welt noch gibt, Hauptquartier der Bruderschaft. Da kommen sie nun angerückt mit voller Kraft, so dermaßen imposant, dass mir die Luft wegbleibt und einfach nur “FUCK YEAH!” brüllen will. Sie sind gekommen. Sie werden hier aufräumen. Sie wollen mit mir reden. Die Zeit für Entscheidungen, die endgültig sind, sie rückt näher.

Und damit auch die Zeit, Tschüss zu Dogmeat zu sagen. Lange war er bei mir, mittlerweile sind locker über 30 Stunden mit dem Spiel ins Land gezogen. Jetzt jedoch besteht die Möglichkeit, Paladin Danse höchstselbst mitzunehmen. Der Drei-Meter-Mann in seiner schimmernden Powerrüstung, ein Typ, der alles wegstecken können wird. Der nun anbietet, sich mir anzuschließen! Mir kleinem Zivilisten, der bis vor einigen Tagen noch ein harmloser Typ war, jetzt aber zu einer Tötungsmaschine wurde, einem Durchsetzer, der ohne mit der Wimper zu zucken tut, was seiner Meinung nach getan werden muss. Die Wandlung des Charakters ging so schnell, dass kaum Zeit war, einmal innezuhalten und nachzudenken. Ich bin Charles Bronson geworden, ob ich es wollte oder nicht. Auch das nimmt mir “Fallout 4″ ab und beraubt mich damit der Möglichkeit, es anders zu machen – auf meine Tour, wie auch immer die aussehen mag. Ein “Rollen”spiel eben, in dem ich eine Rolle gestalte, nicht eine vorgefertigte übernehme. Das sind Kritikpunkte, ja. Das wiegt schwer und tut wenn ich nun mit etwas Abstand darüber nachdenke auch weh. Vor allem, weil der Vergleich mit den Vorgängern auftauchen muss und hier eben ein ganz anderes Erlebnis geboten wurde.

Während ich jedoch in diesem Spiel versinke, denke ich nicht daran. Wie auch? Ich sitze an Bord eines Vertibirds und bediene eine Minikanone. Wie lange habe ich mir genau so eine Szene gewünscht? Wie soll ich nachdenken in diesem Moment, wo ich mich überlegen fühle, wo ich weiß, dass ich die Welt besiegen kann, wo ich wie ein kleiner, gemobbter Junge auf dem Schulhof bin, dem plötzlich die starken Jungs zur Seite stehen? Ich denke nicht. Ich handle nur noch. Rede mit dem Ältesten Maxson, einem knallharten Militärtypen, der nur eins will: Das Institut finden, zerstören und fertig. Bis dahin scheint es, dass er durchaus Respekt vor den Typen hat: Man kennt sie nicht, man weiß wenig über sie. Ich werde erst einmal recherchieren müssen, Dinge herausfinden, ehe wir zuschlagen. Davor schaue ich mich jedoch gerne auf diesem riesigen Luftschiff um, das voller faszinierender Technik ist, ordentlich aufgereihte Powerrüstungen inklusive. Ja, das schindet Eindruck, ja, hier fühle ich mich zum ersten Mal in dieser Welt wirklich sicher. Hier wird mir nichts passieren. Wer hier auch anrücken möge, er wird keine Chance haben.

Erneut schweife ich ab, lasse die Hauptstory ruhen. Kümmere mich stattdessen darum, bei der Bruderschaft Pluspunkte zu sammeln, in dem ich kleinere Jobs erledige. Es ist nichts Wildes, aber Paladin Danse findet Gefallen dran und mir gefällt, dass er mich mag. Ein Mal sprechen wir länger miteinander. Ich habe die Option, im Dialog auf “Flirten” zu klicken, sie ist gelb umrandet, es ist also nicht sicher, ob sie von Erfolg gekrönt sein wird, wenn ich sie wähle. Mache ich dennoch, warum soll mein männlicher Charakter nicht auch einmal mit einem anderen Mann flirten dürfen, wo das hier alles ohnehin so derart männerbündlerisch ist, dass die paar Emotionen auch nix ausmachen. Es klappt. Paladin Danse mag mich noch mehr. Ich fühle mich noch sicherer, mit dem Typen an meiner Seite.

Was steht nun an? Eigentlich sollte ich zurück nach Diamond City, um mit Chandler-Roman-Nick und der Reporterin Piper über die Ereignisse sprechen. Habe ich grade keine Lust zu. Stattdessen bilde ich Nachwuchs der Bruderschaft aus, kümmere mich um deren interne Probleme und merke dabei, dass ich ganz schön skrupellos wurde: Ein Typ klaut Vorräte und reicht sie weiter, weil er nach einer Schlacht keine Lust mehr auf Ghule töten hatte, weil er erkannte, dass das auch mal Menschen waren. Ich finde ihn, stelle ihn und habe die Möglichkeit, ihn nicht zu verpfeifen. Mache es aber dennoch, liefere ihn voll aus, lass ihn ins Messer laufen, wohlwissend, dass er dafür mindestens aus der Bruderschaft geschmissen wird, wenn nicht Schlimmeres. Es macht mir nicht eine Sekunde lang etwas aus, diese Entscheidung zu treffen – auch wenn ich für ihn hätte lügen können. Keine Chance. Niemand bescheißt die Bruderschaft. Niemand sprengt die Einheit. Es ist so verdammt falsch auf menschlicher Ebene und fühlt sich doch hinsichtlich der Gemeinschaft so richtig an.

Was wäre eigentlich, wenn Danse ein Synth wäre, einer jener Roboter, die die Bruderschaft ohne zu zögern tötet, wann immer sie ihnen über den Weg läuft?