Die “Fallout”-Jahre, Teil 8.

von Volker Dohr

(Danke an alle Eltern, die sich im Vorfeld dieses Beitrags einer Frage gestellt haben, die nicht unbedingt bequem war, aber die dennoch antworteten.)

Bis auf den letzten Satz hat dieser Teil nichts mit einem Videospiel zu tun.

Vor einigen Monaten, als ich noch bei Facebook war (ich habe meinen Account gelöscht, weil mir der Umgang mit rechten Beiträgen nicht geschmeckt hat, gelinde gesagt), führte ich eine lange Diskussion mit einem Freund, den ich sehr mag. Es ging darum, was wir tun würden, wenn unser Kind entführt und von Kinderschändern missbraucht würde. Ich glaube an den Rechtsstaat, daran, dass alles, was mit Strafe und Sanktion zu tun hat, niemals in der Hand eines einzelnen liegen darf, sondern immer auf einer Übereinkunft namens “Gesetz” berufen muss, die wir selbst zwar weder teilen noch verantworten müssen, aber deren Bedingungen wir nun mal unterliegen. Schmeckt sie uns nicht, besteht die Möglichkeit der Änderung, weshalb ich Kommentare a la “Raubkopierer müssen ins Gefängnis, Kinderschänder nicht!” auch immer extrem angepisst lese. Dann macht eben eine Petition, sprecht mit Abgeordneten, tut etwas, statt nur Pixel zu langweiligen Texten zu machen, die ich so oder so ähnlich schon tausend Mal gelesen hab.

Der Freund war der Ansicht, dass er den Typen töten würde, wäre es sein Kind. Sein Argument war, dass ich das ohne Kinder nicht nachvollziehen könnte. Ohne die Erfahrung, wie es ist, wenn deine Tochter unter dem Weihnachtsbaum krabbelt, einige Monate später ihre ersten Worte spricht, lernt zu laufen, wie es ist, wenn dein Leben nicht mehr nur darauf basiert, dass du und deine Frau eine Einheit sind, sondern da etwas ist, dass dir so viel mehr gibt, so viel mehr abverlangt. Ich ignorierte das, für mich war das, was an Gesetzen geschrieben steht, größer als eine Rechtfertigung für Selbstjustiz, die nur auf der eigenen Geschichte beruht. Und das, obwohl ich gut genug weiß, dass jeder der Superheldencomics, die wir lesen, nichts anderes ist: Der Teil zwischen Exekutive und Judikative existiert nicht mehr, es ist eine Personalunion. Batman führt gleichermaßen Staatsgewalt, die ihm nicht zusteht, aus, wie er auch richtet. Konsequenterweise auf die Spitze treibt das eigentlich nur Lobo, der direkt auch das Urteil ausführt, tödliche Gewalt anwendet, etwas, um das sich Superman und Batman wunderbar gerne drücken, so ein bisschen White Knight wollen sie ja dennoch sein.

Ich kann nicht sagen, was ich tun würde, wenn mein Kind betroffen wäre. Ich kann nicht beantworten, was wäre, wenn ich einem Menschen, der mein Kind ohne Lösegeldforderung verschleppt und sonst was mit ihm anstellt, antun würde. Warum will er kein Geld? Was macht er mit dem Kleinen? Sexueller Mißbrauch, Organentnahme, was ist es? Die Fragen würden mich zerfressen, sie würden die Beziehung zu meiner Frau zerstören, sie würden mein Leben nie mehr das gleiche wie zuvor sein lassen. Das ist eine Gedankenwelt, die so verdammt düster ist, dass ich nicht hinabsteigen will, dass ich nicht dem begegnen möchte, der wir vielleicht irgendwo alle sind, der sagt: Erledige das selbst. Sei Charles Bronson, pfeiff auf die Cops, die machen eh nix, die finden den eh nicht. Mach es auf deine Tour, sein ein “Mann”, sei das Gesetz. Ich will es mir nicht vorstellen. Ich KANN es mir nicht vorstellen. Ich hoffe, dass ich es mir niemals vorstellen muss.

Und dann steht er vor mir, Kellogg, der Mann, der meinen Sohn entführt hat, der kein Lösegeld wollte, der ihn einfach nur geholt hat.