Die “Fallout”-Jahre, Teil 6.

von Volker Dohr

Back topic, jetzt aber wirklich.

Diese Bruderschafts-Quests langweilen mich dann doch nach einigen Stunden. Immer nur der gleiche Kram. Außerdem war da noch was: Meinen. Sohn. Finden. Hilft alles nix, ich muss nach Diamond City. Wo man erst mal eine Journalistin nicht reinlassen will. Die Alte ist sicher von der Lügenpresse, ist doch eh klar. Die Frau lacht neben mir auf der Couch weil “Haha ein Journalist, der eine Journalistin in einem Videospiel scheiße findet” schon irgendwo unlogisch wirken mag, aber so ist das nun mal. Sie keift wie blöd, sie geht mir auf den Sack, ich will nur in diese Stadt, meine Info holen und dann weitersehen. Keine Lust auf so einen Blödsinn drum herum. Blöd nur, dass dieser Blödsinn den weiteren Spielverlauf elementar ausmacht, denn in Diamond City stimmen viele Dinge so absolut gar nicht.

Das finde ich dann in den kommenden Stunden raus, während ich schon wieder in Nebenquest um Nebenquest stolpere. Da mal einem Radiomoderator mit Minderwertigkeitskomplexen ausgeholfen, dort ein paar Eimer Farbe besorgt. Irgendjemand will immer was und das ist genau diese Sache, wegen der ich große Städte in Rollenspielen so gerne meide: Sie schmeißen dich mit Aufgaben zu, du verlierst restlos die Übersicht und arbeitest irgendwann nur noch nach Liste ab. Hab ich nur bedingt Lust zu.

Die Reporterin, die eingangs so nervte, stellt sich als veritable Informationsquelle raus. Sie spricht davon, dass immer wieder Menschen verschwinden und da mehr dahinter stecken müsste, als der Bürgermeister der Stadt zugeben möchte. Zudem werde ich Zeuge einer ziemlich blutigen Auseinandersetzung in einer Bar, die für einen der Beteiligten mal eben mit dem Tod endet. Ein “Synth” soll er sein, so eine Art Terminator, nur noch besser, nicht so leicht durchschaubar, nicht auf töten gedrillt. Einfach nur ein Ersatz-Menschlein, gebaut, programmiert, mit Erinnerungen und Seele versehen. Wow, haben sie das also geschafft, eine Seele zu basteln. Respekt. Trotzdem sind die Dinger irgendwie “Nicht echt” (Was ist eigentlich echt? Ist der Mensch nur echt, wenn er biologisch echt entstanden ist oder bilden wir uns auf den Reproduktionsakt nur mythisch überhöht was ein und realisieren nicht, dass wir auch beliebig maschinell reproduzierbar wären? Hallo, “Matrix”!) und in Diamond City will man sie nicht, also legt man sie um.

Kann ich damit leben? Dass gerade vor meinen Augen Leben zerstört wurde? Halt, Schritt zurück: war das denn Leben? Was ist das überhaupt, “Leben”? Entsteht es da, wo Abtreibungsgegner reinkloppen und Kliniken anzünden, weil man darin anderer Meinung ist? Kann es nur entstehen, wenn zwei Menschen daran beteiligt sind, deren Existenz ebenfalls auf der Beteiligung von zwei Menschen beruht? So langsam dreht die Story gut auf und die Fragen hinter den Ereignissen beginnen, mich zu beschäftigen. Pluspunkt, muss man auch erst einmal schaffen, vor allem in einem Mainstreamgame.

Ich drücke mich vor einer Antwort, vor einer Stellungnahme. Ich will meinen Sohn wiederhaben, denn wenn ich eines weiß, dann das: Er ist mein Sohn, mein Junge, ich bin ohne ihn bedeutungslos, meine Existenz macht überhaupt keinen Sinn, wenn er nicht da ist, dieses ganze Spielchen hier basiert darauf, dass mein Job lautet, ihn zu finden. Worauf hätte man sonst die Story aufgebaut? Eben. Lassen wir diese Synths also erst einmal beiseite. Konzentrieren wir uns auf die Journalistin, darauf, was sie über einen Detektiv namens Nick erzählt, der sicher mehr weiß, aber gerade (oder gerade deshalb) verschwunden ist. Finden wir den Typen.

Finden wir einen Eingang unter der Erde, der aus einem gigantischen Zahnrad besteht. Mit einer Zahl darauf. Es war so klar: Es gibt weitere Bunker. Diese Schweine von Vault-Tec waren nicht untätig. Was haben sie hinter dieser riesigen Stahltür an Verbrechen begangen im Sinne des Fortschritts, unter dem Deckmantel des “Die Menschheit muss um jeden Preis überleben”? Was es auch sein mag: Ich werde es rausfinden. Es ist ausreichend Munition vorhanden. Mittlerweile auch genügend Stimpacks und dank durchschautem Upgrade-System für die Waffen auch Feuerkraft, die ausreicht, um alles, was zwischen mir und den Antworten, die ich suche, steht, dem Erdboden gleich zu machen.

Die Tür öffnet sich. Rote Punkte erscheinen auf der Minimap. Ich lege an. Kein Zurück. Ab jetzt geht es nur noch um eins: Ich und mein Sohn oder die und nichts von beidem.