Die “Fallout”-Jahre, Teil 5.

von Volker Dohr

Nochmal abschweifen: Weil ich 2015 quasi vergessen habe, meine 30 Tage Urlaub zu nehmen, ist der gesamte November frei. Ich habe Zeit. Zeit ist so ein verdammter Luxus, vor allem, wenn man sie verschwenden kann. Es hat einige Tage gedauert, bis ich erst mal runter kam, erst mal aus dem Alltag raus war. Dann hab ich mir ein Bier aufgemacht und hatte kein Problem damit, in Jogginghosen rumzusitzen. Barbarismus muss auch mal sein.

Besoffen bin ich dennoch nie durch das Ödland. Besoffen zocken ist überhaupt mal ziemlich mies, man hält sich die ganze Zeit ein Auge zu, damit man noch was sieht und bekommt überhaupt nichts mit. Hab ich spaßeshalber früher bei Online-Shootern gemacht, einfach um zu zeigen, dass ich selbst trunken noch besser als der Rest war. War ich natürlich nicht.

Jetzt kann ich natürlich auch meine Spielfigur abfüllen, aber darauf hab ich keine Lust. Der wird dann nur süchtig und das wird alles teuer mit dem Entzug. Ich spare in schwäbischem Ausmaß, jeder Kronkorken muss zusammengehalten werden. Auch mit den zahlreichen Drogen, die schon immer Bestandteil der Serie sind, werde ich einmal mehr nicht warm. Kein Jet, kein Psycho. Meiner ist ein verdammter Edger, was auch nicht stimmt, denn gäbe es die Option, dass er sich gelegentlich eine Kippe drehen und anstecken könnte, nur um beim Konsum fünf Minuten herumzustehen und ins Land zu starren, dann würde ich das machen. Ganz ehrlich, auch ein Bierchen wäre drin. Keine drei oder vier, aber so eins nach Feierabend, nachdem mal wieder zig Viecher erlegt wurden, prima. Getanes Werk und Belohnprinzip und dererlei.

Wir haben derzeit aber wichtigeres zu tun: Die Bruderschaft braucht wissenschaftliche Technik der Vorkriegszeit und dieser Typ, der mich nicht leiden kann, fordert mich auf, Orte im Ödland zu “räumen”, sprich: Alles, was sich da bewegt, umzulegen. Ich will mich etwas beliebt machen, dem Miesepeter gefallen, zeigen, dass ich was drauf hab, also nehme ich Auftrag um Auftrag an, obwohl es immer das gleiche, langweilige Schema ist: Suche den Ort, geh hin, erledige alle, komm zurück. Paladin Danse redet derzeit nicht mit mir, hat nichts für mich zu tun. Schön, dann katzbuckel ich eben bei den Untergebenen, um dem Chef zu gefallen. Eigentlich ist das alles ganz schön unwürdig.

Vor allem zieht Stunde um Stunde ins Land, ohne dass ich auch nur dran denke, mit der Hauptquest weiterzumachen. Vielleicht liegt das auch an meiner Abneigung gegenüber großen Städten in Rollenspielen, denn in eine ebensolche muss ich nun. Ich fühle mich dort immer verloren, hoffnungslos überfordert, will jeden Winkel kennen und über alles Bescheid wissen und weiß doch, dass das nicht möglich ist. Große Städte kotzen mich an. Ich mag Dörfer mit einer Handvoll Häuser und wenigen NPC lieber.

Trotzdem ist es verdammt unlogisch: Da ist mein Sohn verschwunden und was mache ich? Viecher töten, statt ihn zu suchen. Um mich bei einer Bande beliebt zu machen, der ich näher betrachtet zwiegespalten gegenüber stehe. Das ist doch Blödsinn. Aber es hält mich bei der Stange. Es wird nicht langweilig. Und wenn doch, dann laufe ich immer noch einem Sidequest über den Weg. Etwa in einer Militärbasis, die so heftig bewacht ist, dass ich kaum eine Chance habe, aber die haben nun mal diese Waffenkammer und da will ich rein, denn wenn’s was gibt, das ich brauchen kann, dann ist es garantiert da drin.

Ich schweife ab. Nein. Ich drücke mich. Um das Unvermeidliche: Ich werde in diese Stadt müssen. Meinen Sohn finden. Mich mit unbequemen Wahrheiten konfrontieren.