Die “Fallout”-Jahre, Teil 4

von Volker Dohr

Ein großer Schritt zurück. Mein erstes “Fallout” war nicht, wie man aus Altersgründen vielleicht vermuten könnte, der erste Teil, sondern der Zweite. Ich hatte damals einen guten Freund in der Schule, er drückte es mir in die Hand, es war, wie es mit Games um 2000 rum eben war. Ich hatte keinen Plan, was ich da eigentlich tat, aber es war faszinierend, diese Welt war so groß, so voller Leben, so voller Konsequenzen für alles, was ich tat. Mein Scheitern war grandios, es dauerte insgesamt fast ein Jahrzehnt, bis ich den Abspann des Spiels zum ersten Mal sah (ist hier noch alles gut protokolliert).

Damals gab es eine Truppe, die mich extrem faszinierte. Ich traf das erste mal in “The Den”, einer Sklavenhändler-Kolonie, auf sie. Während alle Gebäude drum herum in Trümmern lagen, stand da dieses eine, kleine Haus, das vollends nach Hightech aussah und vor dessen Tür ein Typ in gigantischer Rüstung Wache stand und mir sagte, dass man mich sehr wohl beobachte und ich nun weiter gehen sollte. Es war ein Soldat der Stählernen Bruderschaft.

Bis ich mich denen anschließen konnte, sollte es noch lange Spielstunden, noch zahlreiche Fehlversuche mit “Fallout 2″ brauchen. Dann jedoch durfte ich “rein” in dieses Gebäude, von denen es im Spiel insgesamt drei gibt. Und da lag sie, die verdammt beste Rüstung im gesamten Spiel. Diese Jungs waren overpowered, ich hatte Bock drauf, dazuzugehören, würde alles tun, um in ihren Reihen meinen Platz zu finden. Und so blieb mir die stählerne Bruderschaft in Erinnerung. In “Fallout 3″ genau wie in “Fallout New Vegas”. Und nun in “Fallout 4″.

Es war also klar, dass mit dem Treffen mit Danse alles anders würde. Anders werden müsste.

Zu erklären, warum mich diese Leute so faszinieren, kann nur in einem Zwiespalt enden, nur darin, dass ich mir selbst widerspreche. Das verleugne ich nicht. Deshalb sind die kommenden Zeilen ein hin und her, ein für und wider. Das darin endet, dass ich und die Bruderschaft einmal mehr gemeinsame Wege gehen.

Wer ist diese Truppe? Kurz umrissen versuchen sie, alte Technik vor dem Weltuntergang zu konservieren und mit militärischer Strenge eine neue Gesellschaft hochzuziehen. Sie sehen nur schwarz und weiß. Du bist entweder dabei, oder dagegen. Da ist keine Grauzone. Sie glauben daran, dass der Typ neben ihnen ihr Bruder ist (hi, “300”!), ihr Kodex ist eisern, wird nicht infrage gestellt, niemals. Sie töten ohne mit der Wimper zu zucken alles, was sich als Feind herausstellt und das ist eine ganze Menge: Ghule, die einst Menschen waren, Supermutanten, die einst Menschen waren und in “Fallout 4″ nun Synths, Roboter mit menschlichem Wesen, die teils eine eigene Intelligenz entwickeln, ausbrechen aus einem noch myseriös umrissenen “Institut”, das es hier irgendwo geben soll. Es ist der Bruderschaft gleich, dass diese Synths eventuell Emotionen haben, denken lernten, sich vom Mensch-sein nur noch dadurch unterscheiden, dass kein Blut durch ihre Adern fließt sondern stattdessen Stromleitungen. Sie sind der Feind und der Feind wird vernichtet.

Die Bruderschaft ist zutiefst nach einem Führerprinzip organisiert, es herrscht militärischer Gehorsam, es ist kein Platz, einen Befehl zu hinterfragen. Und doch, sie sind nicht undemokratisch, sie sind nicht restlos faschistoid, sie betreiben eine Rangordnung, die es jedem ermöglicht, in ihren Rängen aufzusteigen. Ich versuche, sie zu verstehen. Ich versuche, im Falschen, das sie so offensichtlich sind, das Richtige zu sehen.

Sie haben Angst. So viel Angst davor, dass es wieder dazu kommt, dass die Welt untergeht, noch einmal. Sie wollen alles tun, um das zu verhindern. Sie wollen alles bekämpfen, was das mickrige Bisschen Welt, das wir noch haben, bedrohen könnte. Es ist keine irrationale Angst, sie gehen nicht wie Pegida auf die Straße um gegen etwas zu protestieren, dass so nie eintreffen wird. Sie sind nicht blöd, sie denken. Und dennoch: Angst treibt sie an. Nicht das Streben nach Macht. Macht ist ihnen streng genommen sogar egal, sie wollen nicht unterjochen oder herrschen. Sie wollen nur verhindern, dass jemals wieder passiert, was bereits passiert ist. Sie leben in der Vergangenheit.

Und ich bin nun wieder bei ihnen. Ich weiß, dass ich hier bleiben werde. Es wird ein Weg voller Leichen, voller Entscheidungen, die ich nicht immer mit mir vereinbaren kann, aber die nun mal einem höheren Ziel dienen. Es ist nicht anders als in der Bundeswehr, nur, dass ich die Bundeswehr, militärischen Gehorsam und Nichthinterfragen von Befehlen scheiße finde, hier jedoch kein Problem damit habe, denn ich kann mich mit dem Ziel identifizieren. Vielleicht, weil es keinen Staat gibt, der darüber steht, keinen Oberbefehlshaber der weit entfernt der Orte sitzt, wo es wirklich abgeht und dort seine Kommandos weitergibt, sondern hier selbst der oberste Anführer wenn es drauf ankommt zur Waffe greift, loszieht, zeigt, dass er nicht mehr ist als der kleine Anwärter neben mir, die Brüder und Schwestern, die mit uns um das gleiche kämpfen.

Dieser Zwiespalt lässt mich den Laden gleichermaßen hassen wie attraktiv finden. Letzteres, weil sie einfach so stark sind, so entschlossen, so geradlinig. Es soll niemals wieder passieren und um das sicherzustellen, reicht es eben oftmals nicht, nur zu reden.

Ich habe den blutigen Weg gewählt. Das ist nach nicht einmal zehn Stunden mit “Fallout 4″ klar.

Hätte ich damals gewusst, was mit Paladin Danse wirklich los ist, wäre ich dabeigeblieben?