26 Games #03: C

von Volker Dohr

26 Games #03: C

Teil drei der übrigens immer schöner werdenden “26 Games”-Reihe von Joe dreht sich um den Buchstaben “C”. Dazu fällt natürlich sofort “Call of Duty” ein, aber dazu will ich nichts schreiben, das gibt zu wenig her. Kurz die Wikipedia-Liste der vorhandenen Xbox 360-Titel gescannt und schon ist die Auswahl deutlich besser. “Catherine” hätte es absolut verdient, hier erwähnt zu werden, aber auch das lass ich jemanden anders übernehmen. Ich widme mich stattdessen einem Spiel, dessen Namen nicht in lobendem Kontext erwähnt werden darf. Warum? Weil’s dank einem Gerichtsbeschluss aus Bayern nicht nur indiziert, sondern gleich noch beschlagnahmt ist. Das hat man zumindest zwei Jahre nach der Indizierung durchgesetzt – über Sinn und Unsinn mag man nach einem derart langen Zeitraum, in dem das Spiel lediglich auf der Liste A der BPjM zu finden war, trefflich streiten. Aber auch darum soll es hier nicht gehen. Stattdessen suche ich mir erst einmal einen Namen für das Baby, denn erwähnt werden muss es ja irgendwie. Nennen wir es einfach “Condom Med”, das klingt wie ein Verhüttungsmittel für mittelprächtig Bestückte (pun intended).

“Condom Med” ist ein Horrorgame und zwar eines, das es wirklich ernst meint mit dem Schocken. Es ist verdammt düster, es ist verdammt böse und zu allem Übel bringt es Spielelemente rein, die es nicht unbedingt zu einem Spaziergang machen. Wir übernehmen die Rolle des FBI-Agenten Ethan Thomas, der auf der Jagd nach einem Serienmörder ist und dabei meist zu spät kommt – also dann, wenn der Typ schon wieder erfolgreich zugeschlagen hat. Irgendwie ist das ganze noch angereichert mit ein wenig Übernatürlichem und die Gegner kommen auch nicht als untot schlurfend daher, sondern sind mit Drogen vollgepumpte Psychos. Noch nicht schlimm genug? Nun kommt’s: Nach einem Mord an zwei Kollegen ist Ethan auf der Flucht vor den eigenen Leuten und erhält Support nur via Funk. Langsam aber sicher stellt sich zudem heraus, dass der Serienmörder a) Jagd auf andere Serienmörder macht und b) an Ethan heran will – aus welchem Grund auch immer. Das erreicht narrativ zwar nicht die Qualitäten eines “Sieben”, bedient sich aber sichtlich dran und hebt sich durch Elemente des Psycho-Thrillers ganz angenehm von der Konkurrenz ab.

Mit einem Wort beschrieben ist “Condom Med” vor allem eins: dunkel. Stockdunkel. Also so richtig. Einzig Ethans Taschenlampe bringt ein wenig Licht in die Angelegenheit, aber selbst damit bleibt’s die meiste Zeit über verdammt finster. Das erlaubt den Entwicklern einiges an Schockmomenten, die sie auch schonungslos ausnutzen: Es herrscht ein permanentes Gefühl, beobachtet zu werden, mangelnder Soundtrack lässt jedes Geräusch umso intensiver daherkommen und die Unsicherheit, ob das da hinten nun eben ein Gegner war oder nicht, ist der ständige Begleiter. Dieser Angst könnte man entgegenwirken, in dem Ethan maximalst ausgerüstet in die einzelnen Level geschickt wird – aber genau das ist nicht der Fall. Stattdessen verfügt die Pistole, die er trägt, nur über wenige Schuss und findet man mal eine Schrotflinte, ist auch die meist nicht voll geladen, sondern hat nur zwei oder drei Patronen im Lauf. Was tun? Die Umgebung nutzen: Rohre, Stangen, Knüppel – was herumliegt, kann zu einer Waffe gemacht werden. Damit rutscht der Fokus automatisch auf den Nahkampf, was die Sache nochmal einen Ticken fieser macht. Und taktisch gleich dazu, denn die unterschiedlichen Stumpfwaffen haben alle Vor- und Nachteile: Mit der einen schlägt es sich schneller zu, dafür ist der Schaden geringer. Die andere hat einen fetten Schaden, braucht dafür aber Ewigkeiten, bis sie sich von Ethan tödlich schwingen lässt. Für was man sich auch entscheiden mag: kaputt gehen die Teile früher oder später sowieso, reges Wechseln ist also angesagt.

Erkunden der Spielwelt ebenso, was angesichts der ewigen Düsternis alles andere als ein Vergnügen ist. Denn Ethan verfügt über ein Spurensuchgerät und verschiedene Möglichkeiten, Untersuchungen vorzunehmen. Das ist der angenehme Teil des Spiels, denn in diesen Minuten ist der Horror meist weit weg und Ruhe herrscht. Außerdem findt die Detektivarbeit meist in gut ausgeleuchteten Räumen statt – auch eine Seltenheit in “Condom Med”. Alles in allem hat der Titel also durchaus Potential, bringt einige interessante Elemente rein und vor allem einen Gewaltgrad, der auch heute noch seinesgleichen sucht. Die Nahkämpfe sind so abartig blutig (gezieltes Schlagen auf einzelne Körperteile, um Gegner schneller zu töten? Pflicht!), dass trotz erwartbarer “Zensur!”-Rufe seitens der Spielerschaft hier meines Erachtens nach kein Zweifel besteht: das Ding gehört in kein Verkaufsregal, sondern bestenfalls in die Horror-Sammlung übler Gorehounds.

Vielleicht will ich “Condom Med” auch deshalb nicht mehr spielen. Nie mehr.

Ich hab’s irgendwann tatsächlich durch geschafft, aber es war eine einzige Qual. Die Szenen im Kaufhaus, wo nicht klar ist, ob das eine Schaufensterpuppe ist oder ein plötzlich auf mich zuspringender Gegner, die Klaustrophobie im verlassenen U-Bahn-Schacht und der Showdown auf der Farm, das alles war mir ein wenig zu viel. Angst war nicht nur der ständige, sondern in diesem Fall auch ein übermächtiger Begleiter. Ich geb’s zu: “Condom Med” war zu viel für mich. Nie davor und nie danach hat mich ein Horrorspiel derart vertrieben, weil ich mich so davor gefürchtet habe (nein, auch du nicht, “Resident Evil”, selbst du nicht, “F.E.A.R.”). Der Drang, es trotz des flauen Magengefühls zu beenden, war irgendwo auch eine Art Manie: herauszufinden, was hinter dieser ganzen Serienmörder-Geschichte steckt. “Schweigen der Lämmer” lässt grüßen. Als dann endlich der Abspann über den Bildschirm lief, war ich recht froh drum, das hier nie mehr anfassen zu müssen.

“Condom Med” fristet seither ein Dasein in den hinteren Reihen meiner Spielesammlung. Das wird’s auch immer tun. Ich werde es nicht wieder anfassen, nie wieder. Den Horror brauch ich nicht nochmal – deshalb habe ich mir auch das Sequel “Condom Med 2″ (quasi ein Verhüttungsmittel für bessere Mittelprächtig-Bestückte) nicht gegeben. Dafür eine Leseempfehlung zum Schluss: Die GEE hatte seinerzeit einen schönen Beitrag, in dem der Autor der Frage nachging, warum Menschen sich das eigentlich antun. Und der ist sogar online zu finden, das Spiele-Portal von t-online (bei dem ich damals tätig war) hatte damals nämlich eine Kooperation mit dem Magazin und wir durften eine Auswahl an Texten online bringen. Ihr findet ihn hier (und ja, die Formatierung und die Bilder sind beschissen, was allerdings daran liegt, dass das Portal seither zwei Relaunches hatte und alte Beiträge nicht angepasst wurden). Viel Spaß und so. Falls man das bei derartigen Games überhaupt so sagen kann.